Gibraltar: 140% geimpft – und die höchsten Fallzahlen der Welt!

Gibraltar: 140% geimpft – und die höchsten Fallzahlen der Welt!

Der Zwergstaat Gibraltar ist durchgeimpft. Mehr als das, rund die Hälfte der Bevölkerung hat bereits einen Booster erhalten. Seit Tagen führt das britische Territorium allerdings noch eine andere Rangliste an: Die der meisten Fallzahlen. Das nahezu ungeimpfte Kamerun verzeichnet hingegen kaum Fälle.

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von Stefan Millius am 23.11.2021, 05:05 Uhr
Cartoon: Clemens Ottawa
Cartoon: Clemens Ottawa
«The Rock» nennen die Engländer den kleinen Flecken an der südlichen Spitze von Spanien. Rund 33'000 Menschen leben dort. Seit Beginn der Impfkampagne wurden in Gibraltar knapp 95'000 Impfdosen verabreicht. Man rechne: Die Bevölkerung ist nicht etwa zu 100 Prozent, sondern zu mehr als 140 Prozent vollständig geimpft: Zu den ordentlichen Stichen kommen noch über 14'000 «Auffrischungsimpfungen».

Dennoch rekordhohe Fallzahlen

Ein Modellstaat also für alle Anhänger der These, dass die Impfung wichtig sei, um die Pandemie zu beenden. Für Gibraltar sieht es aktuell allerdings nicht so aus. Vor kurzem hat die Regierung sämtliche offiziellen Weihnachtsfeiern und Adventsveranstaltungen abgesagt. Grund sind die rekordhohen Fallzahlen. Nirgends auf der Welt gab es auf 100'000 Einwohner gerechnet im Schnitt der letzten sieben Tage mehr Infektionen als hier mit über 1500.
Das Ergebnis: Das durchgeimpfte Gibraltar beginnt nun mit neuen Massnahmen und will die Kontakte unter den Einwohnern einschränken. Im Moment belassen es die Behörden aber bei «Empfehlungen». Diese gelten auch für Geimpfte – aber andere gibt es ja eigentlich sowieso kaum. Auch sonst ist in Gibraltar nicht viel von Normalität dank der Impfung zu spüren. In allen Läden und in öffentlichen Verkehrsmitteln muss die Maske getragen werden.

Hundertjährigen Ungeimpften aufgespürt

Für Kritiker der Impfkampagnen rund um die Welt ist das eine Steilvorlage. Die andere Seite wehrt sich heftig: Faktenchecker diverser Medien legen sich für Gibraltar ins Zeug. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtet beispielsweise, es sei der Fall einer über 100 Jahre alten Person bekannt, die noch nicht geimpft sei, es gebe also im Land doch «noch keine flächendeckende Immunisierung». Der Greis wäre nach dieser These praktisch im Alleingang für die Rekordzahl an Ansteckungen verantwortlich.
Doch wichtiger sei, dass es in Gibraltar nur noch selten zu schweren Krankheitsverläufen komme, noch seltener zu Todesfällen. Die Impfung liefere also das, was sie verspreche: Einen milderen Verlauf. Denn dass sich mit ihr Ansteckungen verhindern liessen, habe man ja nie gesagt.
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Die Zahl der Todesopfer ist in Gibraltar seit Monaten stabil. (Grafik: worldometers.info)

«Weniger ansteckend» war das Versprechen

Das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar ist die Vermeidung eines schweren Verlaufs das wichtigste Argument der meisten Staaten zugunsten einer höheren Impfquote. Aber im Rahmen von Impfkampagnen hiess es stets auch, dass Geimpfte deutlich weniger ansteckend seien, dass eine hohe Durchimpfung also auch die Verbreitung reduziere. Gibraltar straft diese Behauptung Lügen. Platz 1 beim Impfen – Platz 1 bei den Fallzahlen.

Beispiele aus anderen Ländern. Niederlande hat eine hohe Impfquote, aber auch einer der höchsten Fallzahlen.

Am anderen Ende des Spektrums steht Kamerun. Mit dem exakten Spiegelbild. Dort trifft man nur mit sehr viel Glück auf einen Geimpften. 0,7 Prozent der Bevölkerung haben die Erstimpfung erhalten, nur ein Viertel davon bereits eine zweite Spritze. Eine von der WHO unterstützte Impfkampagne verlief im Sand, sie interessierte keinen Menschen.

Menschen strömen zu «Heilern»

Aber auf die Fallzahlen hatte das keinen Einfluss. Kamerun zählt mehr als 26 Millionen Einwohner und kommt gerade mal auf 100'000 Coronafälle und rund 1600 Tote. Das ist eine Inzidenzrate, die etwa 50 Mal tiefer liegt als in Europa. Zum Schrecken jedes westlichen Wissenschaftlers setzen die Menschen in Kamerun auf die Kraft ihrer eigenen «Heiler». Diese haben eine traditionelle Kräutermischung gegen Covid-19 entwickelt. Selbst ein Team des TV-Senders «Arte» sah sich genötigt, dem nicht erklärbaren Erfolg der «Medizinmänner» eine Reportage zu widmen.
Ob es die lokalen Kräuter waren oder doch eher eine natürliche stärkere Verbreitung von Antikörpern in Afrika, wie auch vermutet wird, ist offen. Tatsache bleibt: Der Musterschüler Gibraltar führt bei der Impfquote und bei den Fallzahlen, der «Sündenfall» Kamerun ist so gut wie ungeimpft und kennt Corona nur noch vom Hörensagen.

Auch anderswo reicht eine hohe Impfquote nicht

Dänemark verzeichnet mehr als 75 Prozent vollständig Geimpfte, verkündete im September das Ende aller Schutzmassnahmen – und nahm sie nun im November wieder auf. Unter anderem wurde der «Coronapass», vergleichbar mit unserem Covidzertifikat, wieder gültig. Grund: Die schnell steigenden Fallzahlen. Auch die Niederlande führten die Maskenpflicht Anfang November wieder ein und weiteten den Anwendungsbereich ihres Coronapasses aus. Die Behörden sprachen von der «höchsten Alarmstufe». Hier sind über 72 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Zum Vergleich: In der Schweiz sind aktuell rund 65,4 Prozent doppelt geimpft. Im Unterschied zu Gibraltar stiegen in den Niederlanden und Dänemark aber nicht nur die Fallzahlen, sondern auch die Zahl der Hospitalisationen. Unverdrossen suchen die beiden Länder ihr Heil weiterhin in einer noch höheren Impfquote. Ebenso wie Österreich, das sogar eine allgemeine Impfpflicht einführen will. Bei den «Weekly trends» der Fallzahlen der Statistikplattform worldometers.info figuriert Österreich zusammen mit anderen impffleissigen Ländern wie Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden in den Top 10. (sm)


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