Häusliche Gewalt: Wie seriös ist die Sotomo-Studie?

Häusliche Gewalt: Wie seriös ist die Sotomo-Studie?

In der Sotomo-Studie wurden Zahlen von einem privaten Rechercheprojekt übernommen, die auf reinen Behauptungen basieren. Bezüglich der Erhebungstechnik zur Studie drängen sich weitere Fragen auf. Der «Nebelspalter» hat nachgehakt.

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von Nicole Ruggle am 18.11.2021, 13:30 Uhr
(Bild: Keystone)
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Studie zur häuslichen Gewalt: 42 Prozent aller weiblicher und 24 Prozent aller männlichen Teilnehmer haben in der Partnerschaft schon einmal Gewalt erfahren. Das ist das Ergebnis einer schweizweiten Befragung des Umfrageinstituts Sotomo, die diese Woche medial breite Beachtung gefunden hat. Die Studie wirft in der Tat Fragen auf.

Keine abschliessende Definition von Gewalt

Was nun genau damit gemeint ist, wenn eine/r der befragten Teilnehmer/innen angegeben hat, dass sie oder er Gewalt erlebt hat, weiss ausser der/dem Befragten niemand. So ist der Studieneinleitung zu entnehmen, dass in der Befragung keine klare Definition von Gewalt mitgeliefert wurde. Empfindet jemand ein böses Wort des Partners oder ein lautes Türe-Zuknallen als Gewalt, dann fliesst dies so in die Studie ein.

Was ist häusliche Gewalt im statistischen Sinn?
Dem Bundesamt für Statistik ist zu entnehmen, dass die Definition von häuslicher Gewalt statistisch gesehen nicht das Ergebnis gesetzlicher Bestimmungen ist; sie leitet sich vielmehr aus der Beziehung zwischen beschuldigter und geschädigter Personen ab.
In diesem Sinne kann häusliche Gewalt nur über konkrete Straftatbestände definiert werden. Die kantonalen Polizeibehörden müssen für die entsprechenden Straftatbestände die Beziehung zwischen beschuldigter und geschädigter Person erfassen. Handelt es sich bei der beschuldigten Person um eine/n (Ex)-Partner/in oder ein Familienmitglied der geschädigten Person, werden diese Straftaten dem häuslichen Bereich zugerechnet.
Ohne klare Angaben zur Beziehung (Opfer/Täter) ist es also schwierig, im statistischen Sinn überhaupt von häuslicher Gewalt zu reden.

In der Sotomo-Studie wurde allerdings die Beziehung zur gewaltausübenden Person (umgangssprachlich Täter) nicht im Detail erhoben.

Grenzüberschreitungen sind subjektiv

Aber ergibt es Sinn, eine Studie über häusliche Gewalt zu publizieren, bei der ein wichtiges Definitionskriterium nicht detailliert genug erhoben wurde? Das wollte der «Nebelspalter» von den Studienautoren wissen.
Sarah Bütikofer, eine der Autorinnen der Studie, gibt Auskunft: «In der ersten Umfrage wurde bewusst auf eine Eingrenzung oder Definition verzichtet, weil Gewalterfahrungen und Grenzüberschreitungen sehr subjektiv wahrgenommen werden. Zudem gibt es in der Schweiz keine einheitliche oder offizielle Definition von häuslicher Gewalt.»
Bütikofer führt aus: Es sei darum gegangen zu eruieren, ob und wie häufig die Teilnehmenden selbst Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen gemacht haben. Im Frühling 2022 sei eine zweite Erhebung geplant. Darin werde man den Fragen nach der Beziehung und der Definition nach Gewalt detailliert nachgehen.
Bütikofer weist darauf hin, dass es sich bei ihrer Untersuchung um eine Befragung und nicht um eine Analyse von registrierten Anzeigen handle, wie das BfS sie mache. Das sei zu unterscheiden.

«In der Befragung wurde allerdings weder die Beziehung zur gewaltausübenden Person im Detail erhoben, noch eine klare Definition von Gewalt mitgeliefert.»

Auszug aus der Sotomo-Studie

Femizide – fragwürdige Zahlen übernommen

Bis im Oktober 2021 seien in der Schweiz 25 Femizide begangen worden, heisst es in der Studie. Die Zahlen dazu wurden vom privaten Rechercheprojekt «stopfemizid.ch» übernommen. Wie Recherchen des «Nebelspalters» zeigen, ist die Erfassungspraxis von stopfemizid.ch jedoch alles andere als seriös. Denn die statistischen Erfassungskriterien sehen folgendermassen aus:
«Um Gewalt gegen Frauen möglichst umfassend zu dokumentieren, zählen wir nicht nur Femizide in Folge häuslicher Gewalt, sondern auch die Femizide, in denen die Täter keine Beziehung zu den Opfern hatten, Fälle von rassistischen, homo-, transphoben und behindertenfeindlichen Motiven, und solche an Sexarbeiterinnen.»

Behauptungen – ohne Beweis

Stopfemizid.ch vermischt hier thematisch ziemlich viel. Zusätzlich findet sich auf der Website kein einziger stichhaltiger Beweis, dass die Frauen in dieser Femizid-Statistik tatsächlich aufgrund ihres Geschlechts getötet wurden. Dies wäre nur dann der Fall, wenn sämtliche Täter bezüglich ihres Motivs bereits öffentlich geständig gewesen wären.
Die Zählung beruht – bezüglich des Tatmotivs – auf reinen Behauptungen und Spekulationen.
Der «Nebelspalter» konfrontiert die Studienautoren mit diesen Tatsachen: «Was hat die Verfasser der Studie dazu bewogen, dennoch diese fragwürdigen Zahlen in die Studie aufzunehmen?»
Gemäss Bütikofer hat man ein Studienkapitel mit der Femizid-Karte von stopfemizid.ch illustriert. «Die Angaben wurden geprüft. Sie unterscheiden sich von anderen Erhebungen, weil stopfemizid.ch auch minderjährige weibliche Opfer berücksichtigt und Tötungen von Schweizerinnen im Ausland.»

Der «Nebelspalter» konfrontiert die Studienautoren mit diesen Tatsachen: «Was hat die Verfasser der Studie dazu bewogen, dennoch diese fragwürdigen Zahlen in die Studie aufzunehmen?»


Die Studienautoren schreiben in der Einleitung weiter, dass sich während der Entstehungsphase ihres Berichts in der Schweiz vier Femizide ereignet hätten. Einen Beweis für diese Behauptung kann Sotomo auf schriftliche Nachfrage nicht liefern.
Zur Frage der zweifelhaften Erhebungstechnik von stopfemizid.ch hält Bütikofer fest: «Wie bei jeder Erhebung von Daten ist entscheidend, dass für die Zählung eindeutig festgelegte Kriterien zur Anwendung kommen, die für jeden Fall genau die gleichen sind. Wie diese Kriterien festgelegt werden, ist hingegen eine Frage der Definition und kann selbstverständlich auch unterschiedlich ausfallen.»

Mehr Steuergeld für Prävention

Die Studie kommt zum Schluss, dass über 80 Prozent der Befragten der Meinung seien, dass die Politik mehr gegen häusliche Gewalt tun muss.
Der Vorschlag, dass die öffentliche Hand mehr Steuergelder für Kampagnen gegen häusliche Gewalt ausgeben soll, stösst auf rege Zustimmung: 88 Prozent. Zudem stimmen 95 Prozent der Befragten zu, dass Mitarbeitende von Behörden (Justiz, Polizei etc.) obligatorische Schulungen zum Thema häusliche Gewalt besuchen sollten.
Ob sich die Politik diesbezüglich auch mit dem Thema «Migration» beschäftigen soll, taucht als Vorschlag in der Sotomo-Studie hingegen nicht auf. Dies obwohl zum Beispiel der Kanton Basel-Landschaft in einer Analyse ausgewertet hat, dass 80 Prozent der Teilnehmer seiner Lernprogramme gegen häusliche Gewalt Personen mit Migrationshintergrund sind. Auch das BfS weist aus, dass mehr als die Hälfte der Beschuldigten von häuslicher Gewalt keine Schweizer sind.

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Migrationsproblematik wird ausgeblendet

Der «Nebelspalter» will von den Studienautoren wissen, warum keine Massnahmen bezüglich der Migrationsproblematik in die Befragung aufgenommen wurde. «Die Erfahrungen zeigen, dass Gewalt in Paarbeziehungen/häusliche Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und es muss dementsprechend auch als solches angegangen werden», antwortet Bütikofer.
Zudem bezog sich die Fragestellung nach den Massnahmen auf Forderungen der Auftraggeberschaft, erklärt Bütikofer. Die Forderungen leiten sich aus dem Beitritt der Schweiz zur Istanbul-Konvention ab.
Kampagnen, Schulungen und Sensibilisierungs-Massnahmen dürften den Opfern von häuslicher Gewalt allerdings wenig bringen. Auf Täterseite sind sie nicht effektiv. Die einzigen, die tatsächlich davon profitieren, finden sich auf Seite der Opfer-Betreuungsindustrie.
Das dafür verwendete Geld würde man aber besser in wirksame Kriminalitätsprävention investieren, die auf wissenschaftlichen Grundlagen fusst – und nicht auf ideologischem Bestreben. Mag die Absicht dahinter auch noch so gut sein, künftige Opfer wird sie kaum verhindern.
Bei der Auftraggeberin der Studie handelt es sich um die Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein.

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