Richard David Precht fordert: Grundeinkommen und steuerfreien Lohn

Richard David Precht fordert: Grundeinkommen und steuerfreien Lohn

Der deutsche Star-Philosoph skizziert in Lausanne eine neue Gesellschaft und ihre Herausforderungen. In seinem Vortrag erklärt er, was zu tun ist.

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von Maria-Rahel Cano am 27.10.2021, 09:15 Uhr
Richard David Precht im Rahmen des Philosophiefestivals «Phil.Cologne». (Bild: Rolf Vennenbernd)
Richard David Precht im Rahmen des Philosophiefestivals «Phil.Cologne». (Bild: Rolf Vennenbernd)
Wie sieht unsere Zukunft in Anbetracht der wachsenden Digitalisierung aus? Was für eine Bedeutung wird die Technologie für unser Verständnis von Arbeit haben? Richard David Precht zeigt in einem Vortrag am Wissenschaftsfestival «Salon Public, Kluge Köpfe erklären die Welt» auf, wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte.
Precht ist nicht nur Philosoph, sondern auch Schriftsteller und Publizist, aber vor allem ist er ein begnadeter Redner. In Lausanne referierte er über die Zukunft und deren Herausforderungen. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind für den Philosophen zwei ineinander fliessende Themen, weil das eine heute nicht mehr ohne das andere auskommt.

Die «Sinngesellschaft»

Die steile These: Precht behauptet, dass der Konsum einer Gesellschaft sinken würde, wenn jedes Individuum einer Tätigkeit nachgehen könnte, die ihm gefällt. Man käme so weg von einer «Erwerbsgesellschaft» hin zu einer «Sinngesellschaft». Bloss: Was bedeutet das?
Precht meint damit, dass wir es nicht mehr nötig hätten, im Überfluss zu konsumieren, da unsere Arbeit Lohn genug sein werde. Damit schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: zufriedene Bevölkerung, weniger Konsum und in diesem Sinne einen nachhaltigeren Lebensstil. Precht denkt immer ganz gross: Er prophezeit einen Wandel in den Berufen und einen Umbruch in unserem Verständnis des Berufes an sich. Er geht zwar nicht davon aus, dass es in Zukunft an Berufen mangeln werde, doch nach Precht wird es eine Verschiebung der Berufsfelder geben. Mehr Berufe in der Informatik und weniger in Verwaltung und Produktion.

Genug Berufe, doch keiner will's machen

Nach Prechts Vorhersagen werde eine «Mismatch Situation» auf dem Arbeitsmarkt entstehen. Precht zeigt dies an einem Beispiel auf: «Der Strassenbahnfahrer möchte nun mal nicht Big-Data-Analyst werden. Und nicht alle heranwachsenden Kinder möchten in Zukunft IT-Spezialisten sein.» Arbeitsplätze werde es also genug geben, aber es werde nicht genug Leute geben, die diese Jobs auch wirklich machen möchten und können.
«Es wird weniger Erwerbstätige geben», verheisst Precht. Allgemein werden wir im Schnitt weniger arbeiten und auch nicht mehr für immer auf dem gleichen Beruf bleiben. Mit der Digitalisierung werde vieles effizienter und mit weniger Personalaufwand möglich sein, führt Precht aus. «Die Digitalisierung ist der Anfang vom Ende von Berufen.» Der Autor erklärt weiter: Wo früher die Tätigkeit fast der Identität einer Person gleichkam, so sei sie heute einfach Teil eines ganzen Lebens. Wenn aber nicht mehr Beruf und Entlöhnung im Mittelpunkt unserer Existenz stehen, was dann?

«Grundsicherung für die Leute»

Einmal mehr sei ein Umdenken gefragt, findet Precht. «Wir werden eine Grundsicherung für die Leute brauchen.» Ein bedingungsloses Grundeinkommen also. Precht sagt aber zugleich, dass dies nicht heute oder morgen der Fall sein müsse. Man werde aber in Zukunft nicht darum herumkommen. Weiter schlägt er vor, dass zusätzliches Erwerbseinkommen bis 20’000 Euro steuerfrei sein sollte, um trotz Grundeinkommen einen Arbeitsanreiz zu schaffen.
Mit dieser Forderung ist Precht wieder am Beginn seiner These angelangt: Die Menschen würden zunehmend Tätigkeiten nachgehen, die ihnen Freude machen und dadurch den Konsum senken. Dass Personen etwas tun, das mehr Ressourcen verbraucht, zum Beispiel Reisen, daran scheint Precht nicht gedacht zu haben.

Keine Sorgen wegen morgen

Und für alle, die sich trotz Grundeinkommen und Sinngesellschaft sich doch vor solch einer Zukunft fürchten, hält Precht eine Beschwichtigung bereit: «Die Angst vor der Veränderung ist oftmals mächtiger als die tatsächliche Veränderung an sich. Alle, die zum Beispiel empört waren, dass man in den Innenräumen von Restaurants nicht mehr rauchen durfte, können sich heute auch nicht mehr vorstellen, dass der Tischnachbar während der eigenen Mahlzeit raucht.»
Precht sieht das auch bei anderen Themen so. Allenfalls werden wir selbst in 20 Jahren zurückschauen und denken; Wie konnten wir nur tote Tiere essen? Sowas Ekliges!

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