Glasgow: Klimakonferenzen funktionieren nicht!

Glasgow: Klimakonferenzen funktionieren nicht!

In Glasgow hat sich einmal mehr gezeigt, dass der Top-Down-Ansatz in der Klimapolitik nicht funktioniert. Doch dank wirtschaftlicher Entwicklung und technologischem Fortschritt ist das Ende des ständig steigenden Energie- und Ressourcenverbrauchs längst eingeläutet. Eine Nachlese zur Klimakonferenz.

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von Alex Reichmuth am 15.11.2021, 19:00 Uhr
Karikatur: Jürg Kühni
Karikatur: Jürg Kühni
Svenja Schulze gab sich nach dem Abschluss der Klimakonferenz erfreut. In Glasgow sei etwas «Weltbewegendes» gelungen, verkündete die deutsche Umweltministerin (SPD). Erstmals habe eine Klimakonferenz nicht nur Ziele formuliert, sondern auch konkrete Massnahmen. Schulze meinte damit, dass nun Regeln definiert worden sind, wie das Pariser Abkommen von 2015 umgesetzt werden kann.
Die meisten anderen Teilnehmer mochten den Optimismus von Schulze nicht teilen. Man könne nicht von einem Erfolg in Glasgow sprechen, gab die Schweizer Umweltministerin Simonetta Sommaruga zu, die bis in die Schlussminuten mit verhandelte. «Die Klimakatastrophe steht weiter vor der Tür», bilanzierte Uno-Generalsekretär Antonio Guterres. Verdorben hat die Laune der beiden insbesondere, dass das Dekret zur Abkehr von der Kohleenergie in letzter Minute verwässert worden ist – auf Druck von Indien und China. Angestrebt wird nun nicht der vollständige Ausstieg aus der Kohle, sondern lediglich deren Reduktion.

Konferenz der Ankündigungen

Man kann sich allerdings fragen, wie bedeutsam dieser Unterschied ist. Weltweit sind über 1000 Kohlekraftwerke in Bau oder Planung, vor allem in Asien (siehe hier). Dass sich die Länder davon abbringen lassen, diese Anlagen in Betrieb zu nehmen, weil einige steife Klimadiplomaten an einer windigen Konferenz das beschlossen haben, ist zu bezweifeln. Ob dabei von Ausstieg oder nur von Abkehr die Rede ist: Das dürfte kaum eine Rolle spielen.

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Simonetta Sommaruga an den Klimaverhandlungen in Glasgow. Bild: Keystone

Überhaupt besteht das Ergebnis von Glasgow vor allem aus Ankündigungen: Die Entwaldung soll gestoppt und der Methan-Ausstoss begrenzt werden. Der Verbrennungsmotor soll verbannt und die Verbilligung fossiler Energie reduziert werden. So war es schon bei den letzten 25 Ausgaben der Weltklimakonferenz: Ausser schönen Absichtserklärungen bleibt da nicht viel.

Verordnete Dekarbonisierug hat keinen Stich

Denn die Weltgemeinschaft hat ein Problem: Der Top-Down-Ansatz, wie er Jahr für Jahr in der Klimapolitik von Neuem zelebriert wird, funktioniert nicht. Die Idee, dass eine grosse Zusammenkunft den Lauf des Weltgeschehens verändern kann, ist realitätsfremd.
Zum Einen habe viele Staatslenker gar kein Interesse an verordnetem Klimaschutz. Die Regierungen von China oder Indien etwa sind sich bewusst, dass ein rascher Ausstieg aus der Kohle verheerende Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand ihrer Länder hätte. Klimaschutz ist für sie nur ein Lippenbekenntnis.

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Nicht zufrieden mit dem Ergebnis der Konferenz: Uno-Generalsektretär Antonio Guterres. Bild: Keystone

Zum Anderen scheitern auch diejenigen Staatsführer, die ehrlich bemüht sind, die Beschlüsse in ihrer Heimat umzusetzen. Die Bevölkerung widersetzt sich den Anordnungen von oben, sei es an der Urne wie in der Schweiz oder auf der Strasse wie in Frankreich.
Klimaschutz per Dekret bedeutet automatisch Wohlstandsverlust – und das Volk lässt sich den Wohlstand nicht wegnehmen. Die verordnete Dekarbonisierung hat keinen Stich.

Immer mehr Wirtschaftsleistung aus immer weniger Ressourcen

Was bedeutet das nun? Müssen wir in Panik geraten, wie es die Klimaaktivistin Greta Thunberg möchte? Schaufeln wir unser eigenes Grab, wie Antonio Guterres zu Beginn der Klimakonferenz warnte?
Nein, die Welt ist nicht verdammt. Im Gegenteil: Sie ist längst auf den Pfad der Ökologie eingeschwenkt – ganz unabhängig davon, was die Klimadiplomatie beschliesst. Denn in den Industrieländern hat sich der Trend zu einem immer höheren Verbrauch an Energie und Ressourcen bereits umgekehrt – und es deutet alles darauf hin, dass das auch in der ganzen Welt bald so ist.

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Buchautor Andrew McAfee

Die Zahlen dazu liefert der amerikanische Ökonom und Publizist Andrew McAfee in seinem Buch «Mehr aus weniger». Der Autor geht darin dem Phänomen nach, dass die Weltwirtschaft in der Lage ist, immer mehr Wirtschaftsleistung aus immer weniger Ressourcen zu generieren (siehe hier).

«Enorme Entkopplung»

Konkret weist McAfee nach, dass seit einigen Jahrzehnten eine eigentliche Dematerialisierung im Gange ist – zumindest in den entwickelten Ländern. Bis etwa 1970 wuchs der Verbrauch an Stahl, Aluminium und Kupfer noch im Gleichschritt mit der Wirtschaft. Seither aber hat eine «enorme Entkoppelung» stattgefunden. Seit dem Jahr 2000 ist der Einsatz der drei Metalle in den USA sogar zurückgegangen – trotz wachsender Wirtschaft.
Ein ähnliche Entwicklung gibt es auch bei Kunstdünger, Wasser und Agrarland – ebenso bei Zement, Sand, Kies, Holz oder Papier: Der Verbrauch in den industrialisierten Ländern geht zurück, während gleichzeitig der Output an Gütern steigt.

Energieverbrauch in den USA nimmt ab

Dasselbe gilt – und das ist hinsichtlich des Klimaschutzes besonders wichtig – auch für die Energie. Andrew McAfee zeigt anhand von Wirtschaftsdaten, dass sich der Energieverbrauch in den USA von 1800 bis 1970 noch parallel zur Wirtschaftsleistung entwickelt hat. Dann verlangsamte sich dieses Wachstum, um schliesslich sogar negativ zu werden. «Es hat mich überrascht, dass der gesamte US-Energieverbrauch im Jahr 2017 fast zwei Prozent niedriger war als bei seinem Maximum im Jahr 2008, zumal unsere Wirtschaft in diesem Zeitraum um mehr als 15 Prozent gewachsen war», schreibt der Autor.

«Ich sage jetzt schon voraus, dass auch Schwellenländer wie Indien und China in nicht allzu ferner Zukunft mehr aus weniger machen werden.»

Andrew McAfee, Ökonom

Laut McAfee findet eine ähnliche Dematerialisierung auch in anderen entwickelten Ländern statt. Schwellenländer wie Indien und China seien wahrscheinlich noch nicht in diese Phase eingetreten. «Aber ich sage jetzt schon voraus, dass auch sie in nicht allzu ferner Zukunft mehr aus weniger machen werden.»

Unternehmen wollen weniger Material verbrauchen

Weniger Energie bedeutet weniger Kohle, Öl und Gas – und damit weniger CO₂. Und auch weniger Zement, Stahl oder Papier bedeuten weniger Klimagase. Die Dematerialisierung der Welt geht darum mit einer Dekarbonisierung einher.
Andrew McAfee nennt zwei Haupttreiber dieser verheissungsvollen Tendenz: wirtschaftliche Entwicklung und technologischen Fortschritt. Je höher entwickelt eine Wirtschaft ist, desto ressourcenschonender ist sie. Denn die Unternehmen haben alles Interesse, technologische Neuerungen zu nutzen, um weniger Material zu verbrauchen.
Die Klimadiplomaten werden sich auch nächstes und übernächstes Jahr wieder zu einer Konferenz einfinden. Und sie werden wieder hehre Absichten formulieren, wie sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Egal, was sie beschliessen: Es wird weitgehend ohne Folgen bleiben.

Innovation ist wichtig

Denn die entscheidende Entwicklung findet an der Basis statt. Dort erfinden schlaue Physiker effizientere Energiesysteme. Dort tüfteln findige Ingenieure an ressourcensparenden Produktionsprozessen. Und dort versuchen gewitzte Ökonomen, mehr aus weniger zu machen. Sofern man sie denn nur machen lässt.

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Alex ReichmuthHeute, 05:00comments

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