«Mein Körper gehört mir» – aber du musst dich impfen!

«Mein Körper gehört mir» – aber du musst dich impfen!

Es geht nicht an, dass wir jahrzehntelang das Recht auf körperliche Integrität predigen – und nun Menschen, die sich gestützt auf dieses Recht der Impfung verweigern, verunglimpft werden.

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von Thomas Baumann am 22.11.2021, 09:00 Uhr
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Es gibt Menschen in unserem Land, die sich partout nicht impfen lassen wollen. Das ist schade. Doch solche Leute gab es immer schon. Ohne dass es deswegen ein grosses Geschrei gab.
Neu ist, dass Personen, die sich nicht impfen lassen wollen, persönlich verunglimpft werden. Dabei wird hierzulande seit Jahrzehnten immer das gleiche Mantra wiederholt: «Dein Körper gehört dir», «Mein Bauch gehört mir» etcetera. Ersteres wird allen Kindern von früh auf gelehrt, damit sie es wagen, sich gegen Übergriffe Erwachsener zu wehren – letzteres ist der Kampfruf der Frauenbewegung.
Und nun soll dieses Mantra, das den Menschen hierzulande von klein auf buchstäblich eingeimpft wurde, plötzlich nicht mehr gelten?
Es ist scheinheilig, wenn geimpfte Personen die mangelnde Solidarität derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, beklagen. Es sei doch nur ein kleiner Piks, ganz harmlos. Nun, was für die einen eine kleine Sache ist, ist für andere nicht so harmlos. Was im wissenschaftlichen Sinne wahr ist, ist dabei unerheblich – wenn es um den eigenen Körper geht, gilt das subjektive Empfinden, die subjektive Wahrheit mehr als objektive Realität.

Es gilt das Empfinden

So propagiert der Feminismus zum Beispiel, dass als sexuelle Belästigung zu gelten habe, was als solche empfunden werde. Wir stehen also vor der paradoxen Situation, dass sich niemand eine zumindest physisch eindeutig harmlose unerwünschte Berührung gefallen lassen muss, dafür aber brav den Arm hinhalten soll, um sich eine pharmazeutische Substanz injizieren zu lassen.
Niemand hat Freude an einer unerwünschten Berührung. Genauso wie bei der Impfung: Für den einen ein kleiner Piks, für die andere traumatisch. Denn das Traumatische an einer unerwünschten Berührung ist ja nicht die physische, sondern die psychische Verletzung – das Trauma infolge der Missachtung der persönlichen Integrität.
Man muss kein Psychiater sein, um sich auszumalen, dass die Injektion einer Substanz in den eigenen Körper von Menschen, die dies als Verletzung ihrer persönlichen Integrität verstehen, gar als noch grösseres Trauma empfunden wird als eine «bloss» äusserliche Berührung an einem Körperteil.
Jemanden psychisch unter Druck zu setzen, sich dies gefallen zu lassen, ist so, als würde der Geschäftsführer einer Firma die Sekretärin anlässlich eines Geschäftsessens mit einem wichtigen Kunden auffordern, sich von diesem befummeln zu lassen: «Zeige dich doch einmal solidarisch mit der Firma!» Genauso kommen sich wohl Menschen vor, die bedrängt werden, sich gegen ihren Willen impfen zu lassen.

Politik als Geschäft der Angst

Die Ängste der Impfverweigerer mögen im naturwissenschaftlichen Sinne irrational sein. Real sind sie trotzdem. Und gerade die Politik ist viel eher das Geschäft mit der Angst als eine Domäne der Wissenschaft. Eben erst verlängerte der Nationalrat das Gentech-Moratorium bis Ende 2025, obwohl die Wissenschaft die Technik für sicher hält. Aber eben, man weiss ja nie, ob man vielleicht nicht doch Schaden nimmt, wenn man seinem Körper gentechnisch veränderte Pflanzen zufügt – ein Restrisiko bleibt schliesslich immer…
Das Argument klingt eigentlich genauso wie bei den meisten Impfverweigerern. Es ist daher kein Wunder, dass die Anhänger der Grünen nach den SVP-Wählern die zweithöchste Quote an Impfverweigerern aufweisen. Diese sind wenigstens konsequent: keine Gentechnik, keine Chemie, keine genetischen Impfstoffe.
Inkonsequent ist es hingegen, für sich selbst eine Risikoabwägung zu machen, bei der sich das Restrisiko gentechnisch modifizierter Pflanzen als inakzeptabel und dasjenige eines (genetischen) Impfstoffs als akzeptabel herausstellt – und anderen Menschen das Recht vorenthalten zu wollen, für sich selber ebenfalls eine eigene Risikoabwägung machen zu wollen, bei der dann vielleicht das genau umgekehrte Ergebnis herauskommt.
Der Schreibende ist doppelt geimpft und würde das jederzeit wieder tun. Aber nachdem wir als Gesellschaft während Jahrzehnten das Recht auf körperliche Integrität gepredigt hatten, geht es einfach nicht an, dass jetzt Menschen, die sich gestützt auf dieses Recht der Impfung verweigern, verunglimpft werden.

Zur Person

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Er ist doppelt geimpft und trägt auch auf Wanderwegen 2000 Meter über Meer Maske.

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