Genderwissenschaftlerin Franziska Schutzbach liegt falsch: Der Sozialismus ist der Todfeind der Frau

Genderwissenschaftlerin Franziska Schutzbach liegt falsch: Der Sozialismus ist der Todfeind der Frau

Das Buch «Die Erschöpfung der Frauen» zielt auf den falschen Absender. Denn die Geschichte zeigt: Es ist der Kapitalismus, der Frauen zu mehr Emanzipation verholfen hat.

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von Nicole Ruggle am 30.11.2021, 08:00 Uhr
Viel Propaganda, wenig Realität. Für Millionen Frauen bedeutete Sozialismus (sexuelle) Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung. Doch moderne Feministinnen sind der Meinung, der Kapitalismus schade den Frauen. (Foto: Keystone)
Viel Propaganda, wenig Realität. Für Millionen Frauen bedeutete Sozialismus (sexuelle) Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung. Doch moderne Feministinnen sind der Meinung, der Kapitalismus schade den Frauen. (Foto: Keystone)
Der Kapitalismus, das Patriarchat und die misogyne Gesellschaft sind schuld an der Erschöpfung der Frauen. Das schreibt die 2019 promovierte Soziologin Franziska Schutzbach in ihrem gleichnamigen Buch, das sie eigentlich schon zu Beginn ihres Doktorates – elf Jahre zuvor – schreiben wollte.
Allerdings zeigen diverse historische Quellen, dass nicht der Kapitalismus, sondern der Sozialismus der grösste Feind der Frauen ist. Zahlreiche Werke bekannter Autorinnen und Journalisten belegen dies.

Schrödingers Frau

Zwei Buchseiten lang setzt sich Schutzbach mit dem Thema, was denn eine Frau nun tatsächlich sei, auseinander. Nach dem sehr ausführlichen Versuch, das Phänomen der biologischen Geschlechterdiskriminierung auf die nicht-biologische Geschlechterdefinition umzumünzen, ist der Leser nicht wirklich schlauer. Eine tatsächlich sinntragende Konklusion bleibt aus.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch von Schrödingers Frau reden: Diskriminiert, weil sie eine Frau ist, aber auch dann, wenn sie eigentlich keine ist – oder nicht weiss, ob sie eine ist.


Man könnte in diesem Zusammenhang auch von Schrödingers Frau reden: Diskriminiert, weil sie eine Frau ist, aber auch dann, wenn sie eigentlich keine ist – oder nicht weiss, ob sie eine ist. Das Dilemma der Gender-Theorie: Gibt es keine festen Geschlechter mehr, kann es schlussfolgernd auch keine geschlechtsspezifische Diskriminierung mehr geben.

Männliche Polizisten: Rassisten und Sexisten?

«Eine abwertende Einstellung gegenüber Frauen ist eine normale Begleiterscheinung männlicher Sozialisation», bilanziert Schutzbach. Heisst das: Alle Männer werden zu Sexisten erzogen? Denn die Autorin meidet im Kapitel «Kampf um den öffentlichen Raum» die Thematik «Männer mit Migrationshintergrund» auffällig strikt. Dies, obwohl Frauen in diversen europäischen Städten nachweislich von der Strasse verschwunden sind, nachdem diese von männlichen Migranten zur neo-patriarchalen Zone erklärt wurde.

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Im französischen Quartier Chapelle-Pajol haben Männer die Strasse erobert, die Frauen sind dort unerwünscht. (Quelle: Le Parisien)
Eine «paternalistische Vorstellung» sei es, so Schutzbach weiter, dass Frauen von männlichen Polizisten zu beschützende Wesen seien. Die Polizei vermöge Frauen jedoch nicht zu beschützen, da die Begegnung mit den Gesetzeshütern für viele Menschen kriminalisierend oder rassistisch sei. Auch könnten Vorstellungen reproduziert werden, die die Angst vor «dem Fremden» durch rassistische und kolonialistische Ideen vom fremden unzivilisierten Mann bedienen würden, der die Spielregeln unserer zivilisierten Gesellschaft nicht einhält.

Sündenbock Kapitalismus

Auch Adam Smith, Thomas Hobbes und der Homo oeconomicus stehen in der Kritik. Bis heute sei ein «männliches Menschenbild» der Ansatzpunkt ökonomischer Standardlehren. Dass es aber der Kapitalismus war, der der Frau in weiten Teilen die Emanzipation erst ermöglichte, klammert die Autorin aus. So ist die Erfindung der Anti-Babypille dem kapitalistischen Streben von profitorientierten Pharmaunternehmen zu verdanken. Einer der Urväter der hormonellen Verhütung war gar der SS-Arzt Carl Clauberg. Kapitalismus und Nationalsozialismus als Wegbereiter sexueller weiblicher Selbstbestimmung: Das dürfte kaum mit dem Geschichtsverständnis moderner Feministinnen zu vereinbaren sein.

Sozialismus: Der Todfeind der Frauen

Die Anti-Babypille, diese Erfindung des «Klassenfeindes des Westen», war in der UdSSR praktisch inexistent. «Mehrere Abtreibungen gehörten im Leben einer gewöhnlichen Frau in der Sowjetunion dazu», schreibt die renommierte Journalistin Alice Bota in ihrem Buch «Die Frauen von Belarus». Die Abtreibung erfolgte üblicherweise ohne Schmerzmittel und Betäubung; Frauen sollten die ihnen aufgezwungene Rolle als Hauptreproduktionselement des Proletariats nicht vergessen.

«Mehrere Abtreibungen gehörten im Leben einer gewöhnlichen Frau in der Sowjetunion dazu. Die Abtreibung erfolgte üblicherweise ohne Schmerzmittel und Betäubung»

Journalistin und Buchautorin Alice Bota

Schwangerschaftsabbrüche hatten auch im kommunistischen China Hochkonjunktur. Weibliche Nachkommen galten als weniger wert; sie wurden abgetrieben, getötet, ausgesetzt, misshandelt. Die geschlechtsselektive Abtreibung (aufgrund der Ein-Kind-Politik) führte zu einem Überschuss an männlichen Nachkommen.
Die Folgen sind verheerend. Tausende Frauen werden heute aus den umliegenden asiatischen Ländern nach China verschleppt, verkauft, zwangsverheiratet, sexuell ausgebeutet.
Auch die Kultur eines der wenigen verbliebenen Matriarchate, das der chinesischen Mosuo-Frauen, wurde unter Mao unterdrückt. Der spanische Journalist Ricardo Coler, der mehrere Monate im Dorf der Matriarchinnen lebte, beschreibt dies in seinem Buch «Das Paradies ist weiblich» ausführlich. Die Mosuo-Frauen wurden 1958 durch die sozialistischen Arbeitsbrigaden Maos entmachtet, zwangsverheiratet. Erst nach Maos Tod durften sie zu ihrer traditionellen Lebensweise zurückkehren.

Horrorstory aus der sozialistischen Hölle

«Tatsächlich ging die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsweise mit einer rigorosen Kriminalisierung der Verhütung einher», ist sich hingegen Schutzbach sicher.

«Tatsächlich ging die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsweise mit einer rigorosen Kriminalisierung der Verhütung einher»

Autorin Franziska Schutzbach

Die marxistische Theoretikerin Silvia Federici behaupte zudem, die Gebärmutter der Frau solle kontrolliert werden, um die Zeugung in den Dienst der kapitalistischen Wirtschaftsweise- und Profitmaximierung zu stellen. Zeitzeugnisse zeichnen ein anderes Bild: Niemand misshandelt und beutet Frauen so brutal aus wie sozialistische Länder.
So schwamm die Nordkoreanerin Lucia Jang auf ihrer Flucht nach Südkorea mitten in der Nacht durch einen eiskalten Fluss. Ihren Sohn trug sie in einem selbstgebastelten Plastiksack auf sich. Zu dieser Zeit hatte Jang bereits Hungersnöte sowie Schläge, Vergewaltigung und Folter in mehreren Straflageraufenthalten überstanden. Ihr Werk «Ich bat den Himmel um ein Leben» liest sich wie eine Horrorstory aus der sozialistischen Hölle.
Dennoch ist Schutzbach, die ihre eigenen Kinder in einem Land kapitalistischer Prosperität aufziehen darf, der Meinung, Frauen erginge es im Kapitalismus schlecht.
Einsicht zeigt sich zumindest, wenn es um rechten Sozialismus geht. Die Nationalsozialisten hätten die Vorstellung von der Frau als Mutter verbreitet. Auf diese Weise seien Frauen aus der Erwerbsarbeit, der Nationalversammlung und dem Reichstag verbannt worden. Das ist richtig. Aber: Über linken Sozialismus verliert Schutzbach kein Wort. Man fragt sich: Warum?

Niemand misshandelt und beutet Frauen so brutal aus wie sozialistische Länder.


Superwoman - eine sozialistische Erfindung

Nirgendwo war die Erschöpfung der Frauen grösser als im Sozialismus, in dem neben der Erwerbstätigkeit auch noch die ganze Kinder- und Hausarbeit an ihnen hängen blieb. Das beschreibt Natalja Baranskaja in ihrem Werk «Woche für Woche» eindrücklich. Die Geschichte handelt von einer fiktiven russischen Frau, die Woche um Woche durchs Leben hetzt. Immer bemüht, dem völlig überzogenen Ideal der tüchtigen sowjetischen Frau zu entsprechen, die nicht nur «Heldin der Arbeit», sondern auch aufopferungsvolle Mutter und Ehefrau sein soll. In der UdSSR fiel das Buch umgehend der Zensur zum Opfer.
Nie ging es Frauen besser als in kapitalistischen Gesellschaften. Denn Kapitalismus und freie Marktwirtschaft sind unabdingbar miteinander verbunden. Deren Grundlage ist der freiwillige Tausch, nicht der Zwang. Frauen müssen im Kapitalismus gar nichts, aber dürfen alles. Umgekehrt verhält es sich im Sozialismus: Frauen dürfen wenig, aber müssen alles.

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