«Hass gegen Ungeimpfte ist fehl am Platz» – Geimpfte gegen das Covid-Zertifikat

«Hass gegen Ungeimpfte ist fehl am Platz» – Geimpfte gegen das Covid-Zertifikat

Im Zuge der kommenden Abstimmung hat sich ein Komitee von Impfbefürwortern gebildet, die das Covid-Zertifikat ablehnen und dafür plädieren, ein Nein in die Urne zu legen.

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von Maria-Rahel Cano am 25.11.2021, 19:00 Uhr
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An vorderster Front als Mitglied der «Geimpften gegen das Covid-Zertifikat» mit dabei ist Frank Scheffold. Er ist ordentlicher Professor am Departement für Physik der Universität Freiburg, wo er den Lehrstuhl für «Weiche Materie und Photonik» innehat. Er befasst sich auch mit physikalischen Phänomenen, die den bei der Ausbreitung von Pandemien beobachteten Prozessen ähneln. Wie der Name des Komitees andeutet, ist er einerseits ein Befürworter der Impfung, andererseits ist der Professor gegen das Covid-Zertifikat. (Website des Komitees)

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Professor Frank Scheffold (Bild: zvg)
Was genau ist das Ziel des Komitees bezüglich der Impfung?
Wir sind für die Impfung bei medizinischer Indikation. Das bedeutet, dass wir verschieden starke Empfehlungen für verschiedene Bevölkerungsgruppen befürworten. Darunter verstehe ich folgendes: Bei starker medizinischer Indikation, also für ältere Personen und Risikogruppen, eine starke Empfehlung – und bei schwacher medizinischer Indikation eine schwache Empfehlung. Wie wir inzwischen wissen, lässt der Schutz der Impfung gegen Übertragung leider schnell nach, es geht also in erster Linie um den Selbstschutz der Personen. Der besorgniserregende Hass gegen Ungeimpfte ist völlig fehl am Platz.
Sie sagen, dass man die Hausärzte bei der Frage der Impfung mehr hätte mit einbeziehen müssen. Impfgegner sagen aber auch:  «Von meinem Hausarzt lasse ich mich nicht beraten, der ist so oder so total Pro-Impfung.»
Wir haben uns als Komitee überlegt, dass wir zwar für die Impfung sind, aber nicht für die Impfpolitik, die momentan betrieben wird. Also nicht die Impfung über das Zertifikat zu erzwingen. Aber harte Impfgegner wird man nicht mehr überzeugen. Man hätte aber zumindest bei den Ferien-Heimkehrern diesen Sommer mehr versuchen können. Ich denke, dass viele sich einfach nicht so viele Gedanken gemacht haben. Und die Politik hat geschlafen.
Die überzeugten Nicht-Impfwilligen sind also gar nicht diejenigen, welche man erreichen möchte?
Genau, den harten Kern erreicht man nicht. Das hat sogar der Bundesrat in seinem Drei-Phasen-Plan gesagt. Auf die Frage an einer Medienkonferenz, was denn mit denen passiere, die sich nicht impfen lassen wollen, hat Bundesrat Berset im Frühjahr geantwortet, dass die sich halt dann anstecken werden. Damals war nie von einer Ausweitung des Zertifikats die Rede. Es war allenfalls für Auslandsreisen oder für Grossveranstaltungen vorgesehen.
Wenn aber nun das Zertifikat wegfällt als Massnahme – was für Möglichkeiten zur Eindämmung des Virus würden Sie vorschlagen?
Es ist schade, dass egal wie die Abstimmung ausfällt, diese drei Monate verloren gegangen sind, in denen man eigentlich hätte diskutieren müssen, wie man durch den Winter kommt. Der Scherbenhaufen ist bereits da, weil man die Zeit nicht genutzt hat. Trotzdem: Wenn unser Lager gewinnen würde, dann wäre ich dagegen, dass gleich alles geöffnet wird. Wahrscheinlich müsste man je nach Infektionslage relativ schnell sinnvolle Beschränkungen einführen. Ich würde nicht mehr zu Läden- oder Restaurant-Schliessungen übergehen. Home-Office wäre zum Beispiel eine weniger invasive Massnahme – genau so wie bessere Lüftung in Schulen und im öffentlichen Verkehr. Notfalls müsste man auch Clubs und Grossveranstaltungen in Innenräumen für eine gewisse Zeit wieder untersagen und die Veranstalter entschädigen.
Was ist für Sie das stärkste Argument, um das Covid-Gesetz abzulehnen?
Ich bin grundsätzlich dagegen, Massnahmen zu ergreifen, die nichts nützen und nur schaden. Es gibt an diesem Zertifikat nichts, was eigentlich positiv ist. Ausser vielleicht, dass sich ein paar Leute mehr haben impfen lassen – aber das sind wenige in der Schweiz.
Das müssen Sie erklären.
Das Zertifikat bietet nur eine Scheinsicherheit. Die Ansteckung erfolgt auch unter den Geimpften. Die Impfung ist bei vielen schon ein paar Monate her und so ist auch die Übertragung des Virus bei Geimpften ziemlich hoch. Darüber hinaus haben die Leute mit einem Zertifikat viel engeren Kontakt als sie es vielleicht sonst haben würden. Man bekommt mit dem Zertifikat eine Art «Freipass» für alle möglichen Aktivitäten, obwohl der Schutz vor Ansteckung gar nicht garantiert ist.
Und sonst?
Zusätzlich kommen bei mir Befürchtungen hoch, dass wir in Zukunft überall überwacht werden. Zum Beispiel, dass ein Restaurantbesuch nicht mehr möglich ist, weil die Cloud ausfällt, wo das Zertifikat gespeichert ist – was mir bisher schon zweimal geschah. Wenn man das jemandem vor zwei Jahren erzählt hätte, dann hätten die gedacht, das sei Teil eines Science-Fiction-Films. Ich war oft in China, zuletzt im Herbst 2019 und ich weiss, wovon ich rede. Das Zertifikat ist relativ sicher, aber durch das Zertifikat gewöhnt sich die Bevölkerung an die Überwachung – und das ist hochgefährlich.
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Kontrolle des Covid-Zertifikats per QR-Code (Bild: Keystone)
Ist die Schweiz einfach zu verwöhnt? In anderen Ländern reissen sich die Leute um die Impfung…
Ich denke, die Bevölkerung in der Schweiz ist generell kritisch eingestellt. Das hat Vor- und Nachteile. Teilweise finde ich es gut und teilweise ist es irrational. Ich glaube jedoch nicht, dass man das ändern sollte. Ich möchte nicht, dass man das Schweizer Volk auf einen Pfad drängt, wo alle kritiklos den Vorgaben des Staats hinterherlaufen.
Wird die Regierung ihr Versprechen halten, dass, wenn wir das Covid-Gesetz annehmen, man andere Massnahmen nicht mehr ergreifen müsse?
Ich bin kein Hellseher. Jedoch bin ich sicherlich nicht der einzige, der glaubt, dass wenn die Fallzahlen weiterhin so steigen, auch Massnahmen in irgendeiner Form verschärft werden. Ob wir jeden Unsinn mitmachen, den die Nachbarländer auch machen, weiss ich nicht. Weil wir immer ein bisschen später kommen, können wir manchmal auch schauen, was funktioniert und was nicht. Trotzdem befürchte ich, dass die Zertifikatspflicht nicht wie angekündigt im Januar aufgehoben werden wird.
Der Bundesrat möchte sich nicht mehr an bestimmten Zahlen orientieren, weil wir uns in ungewissen Zeiten befinden. Was meinen Sie dazu?
Das alleine ist ein Grund «Nein» zu stimmen! Das kann kein Volk akzeptieren. Seit der Zertifikatspflicht sind viele Entscheide in der Politik getroffen worden, die uns nicht weiterbringen. Impfpflicht für die Studenten und dann diese Impfwoche, wo wir uns zwar auch engagiert haben, die aber ein absehbarer Flop war. Viele Leute werden sich mit dem Druck, der jetzt aufgebaut wird, nicht impfen lassen. Und ich weiss nicht, ob es die Schweiz verkraftet, wenn man jetzt noch stärker Druck aufbaut. Dann ist dann auch noch ein weiteres Thema aus meiner Sicht: die Realitätsverweigerung. Man legt nicht dar, wie die Pandemie zu Ende geht. Die geht aber absehbar zu Ende. Es wird zwar immer von neuen Varianten die Rede sein, aber solange dieser Fall nicht eintritt, sollte man zumindest einen Plan bereit haben.
An was liegt das?
Es ist schade, dass es sehr viele Ärzte und Epidemiologen gibt, die nicht regierungsnah sind, die regelmässig Stellung beziehen, aber nicht gehört werden. Im BAG gibt es sicherlich auch gute Leute, aber das Amt ist leider verpolitisiert.
Gibt es einen Weg aus der Pandemie?
Es ist nun mal eine Naturkatastrophe. Ich glaube, dass man ihre Auswirkungen nur eindämmen, aber nicht komplett verhindern kann. Klar bin ich auch traurig darüber, dass viele Personen krank geworden und gestorben sind. Wir haben aber auch Krebs noch nicht besiegt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch nicht. Ich denke, man sollte dieses Virus wieder als Krankheit einordnen und nicht nur als politisches Problem behandeln. Erstrangig muss sein, dass man versucht, die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem zu begrenzen. Ich glaube zudem, dass die Leute bei den Massnahmen auch nicht mehr lange mitmachen. Die Bereitschaft junger Leute liegt schon jetzt beinahe bei null. Man darf nicht vergessen: Politik ist auch das Machbare.

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