Komsumrausch am Black Friday: «Darf ich meine Frau einsperren?»

Komsumrausch am Black Friday: «Darf ich meine Frau einsperren?»

Die Frage ist eher ungewöhnlich, auch für den erfahrenen Anwalt. Aber sie ist wichtig an einem Tag wie diesem. Ein Gespräch.

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von Renate Gerlach am 26.11.2021, 08:00 Uhr
Petra Kaster
Petra Kaster
«Freiheitsentzug ist strafbar, aber warum wollen Sie Ihre Frau einsperren?»
«Zu ihrem Selbstschutz.»
«Im Falle einer Selbstgefährdung oder einer Gefährdung anderer wäre ein ‹Einsperren›, wie Sie es nennen, nach sorgfältiger Abklärung möglich. Aber das wäre dann die Aufgabe eines Psychiaters und nicht eines Anwaltes.»
«Nein, nein, meine Frau ist nicht verrückt … oder doch? Aber nur an einem einzigen Tag im Jahr, am Black Friday. Da ist sie einfach nicht mehr sie selbst.»
«Wie äussert sich dieses ‹Nichtsieselbstsein›?»
«Sie verfällt in einen Rausch oder Wahn. Ein paar Beispiele gefällig? Drei Multipacks Rasierklingen zu je zehn Stück, ich rasiere mich nur elektrisch. 5×5 Grosspackungen Kaffeekapseln, die nicht in unsere Maschine passen. Zehn Herren-Oberhemden, wovon mir nur eines passt, mir aber nicht gefällt. 20 Zahnbürsten-Köpfe, die nicht in unsere elektrische Zahnbürste passen, sechs Handtaschen. Möchten Sie noch mehr hören?»
«Und was macht Ihre Frau dann mit diesen Dingen?»
«Das ist ja das Schlimmste. Nach diesem Kaufrausch ist sie jeweils am Boden zerstört, sie ist verzweifelt, macht sich Vorwürfe und schwört bei den Seelen aller Verstorbenen, dass so etwas nie wieder passieren wird.»
«Und was tun Sie dann?»
«Ich tröste sie und leide mit ihr. Und dann versuchen wir, den ganzen Kram wieder loszuwerden, an Verwandte, Freunde und Nachbarn. Und deshalb möchte ich sie vorsichtshalber an diesem Tag einsperren.»
Der Anwalt hat den Gedanken an einen eventuell künftigen Klienten in ­einer Scheidungssache aufgegeben. Der Mann will seiner Frau nichts Böses antun. Er tut ihm leid und er möchte ihm helfen.
«Wie wäre es, wenn sie am nächsten Black Friday ihr Portemonnaie oder ihre Brieftasche nicht finden würde. Wissen Sie, manchmal verlegt man ja auch so Dinge und findet sie dann vielleicht am nächsten Tag wieder.»
Der Mann hat den versteckten (und rechtlich nicht erlaubten) Rat des Anwaltes verstanden, er strahlt ihn an, bedankt sich und geht. An der Türe dreht er sich aber noch einmal um und sagt mit zerknirschtem Gesicht: «Aber dann kommt ja in den meisten Geschäften auch noch die nächste Versuchung, der Black Samstag.»

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