Fake News: Beat Gloggers Plädoyer gegen einen eigenständigen Impfentscheid

Fake News: Beat Gloggers Plädoyer gegen einen eigenständigen Impfentscheid

Laien könnten die Risiken kaum rational abwägen, behauptet der Gründer der Wissenschaftsplattform higgs.ch. Darum tauge der Appell der Gegner des Covid-Gesetzes, sich eigenverantwortlich für oder gegen die Impfung zu entscheiden, nichts.

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von Alex Reichmuth am 26.11.2021, 13:30 Uhr
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Beat Glogger ist seit vielen Jahrzehnten mit Leib und Seele Wissenschaftsjournalist. Dem älteren Publikum ist er noch als Moderator der Sendung «Menschen Technik Wissenschaft» des Schweizer Fernsehens bekannt. Vor einigen Jahren gründete der diplomierte Mikrobiologe die Internet-Plattform «higgs.ch» und verbreitet seither mit seinem Team Informationen aus der Welt der Wissenschaft.
Glogger liebt das Rampenlicht noch immer. Einmal pro Woche tritt er in einem Video-Podcast namens «Der Faktist» auf und sagt der Schweiz, was richtig und was falsch ist. Das Ganze soll betont sachlich wirken: Glogger sitzt jeweils auf einem Stuhl vor schwarzem Hintergrund. Seine Auftritte haben aber regelmässig einen politischen Touch. So gibt es laut dem «Faktisten» keine Gründe, am Nutzen der erneuerbaren Energien oder einem forcierten Klimaschutz zu zweifeln.

«Selbstverantwortung statt Funktionärsdiktat»

Mit einem absoluten Wahrheitsanspruch kommen auch Gloggers Plädoyers für die Corona-Politik des Bundes daher. In dieser Woche, kurz vor der Abstimmung, nahm der «Faktist» die Appelle der Gegner des Covid-Gesetzes für einen selbständigen Impfentscheid aufs Korn – unter dem Titel «Die Mär von der Eigenverantwortung» (siehe hier).

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Bild: higgs.ch

Die Abstimmungsbroschüre der «Schweizerzeit» etwa hatte «Selbstverantwortung statt Funktionärsdiktat» gefordert. Das rechtsbürgerliche Blatt war der Meinung, jeder müsse angesichts der Risiken der Impfung selber abwägen können, ob er sich impfen lasse oder nicht.
«Können Laien eine rationale Risikoabschätzung vornehmen, oder entscheiden sie sich nicht vielmehr aufgrund von Gefühlen, Emotionen?», fragte der «Faktist» nun – und führte Zahlen an: Nur in drei Fällen pro 10’000 Impfungen seien schwere Nebenwirkungen zu beobachten. Dagegen würden 128 von 10’000 Covid-Infizierten im Spital landen. Das Risiko für schwere Nebenwirkungen sei bei der Krankheit also rund 40 Mal höher als bei der Impfung.

Nur sehr wenig Covid-Tote unter 50

Gloggers Fazit war klar: Die Kreise, die auf Eigenverantwortung pochten, würden die Risiken der Erkrankung kleinreden und die Risiken der Impfung übertreiben. «Das Muster: Zuerst die Realität verfälschen und dann auf Eigenverantwortung pochen.»

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Bild: Screenshot higgs.ch

Doch: Hat es der «Faktist» selber so genau genommen mit der Realität? Die Risiken von Covid hängen nämlich vom Alter ab – und zwar in extremem Mass. Für junge Menschen ist die Krankheit viel weniger gefährlicher als für alte.
Bis am 24. November sind in der Schweiz 11’053 Menschen an Corona gestorben. Nur 70 davon waren unter 50 Jahre alt. Das ist ein Anteil von 0,63 Prozent. Gar nur sieben Verstorbene waren unter 30 Jahre alt – ein Anteil von 0,063 Prozent. Angesichts des minimalen Todesrisikos kann der Entscheid junger Menschen gegen eine Impfung also durchaus rational sein. Denn schwere Nebenwirkungen nach einer Impfung sind zwar ebenfalls selten, kommen aber vor.

Der Entscheid gegen die Impfung kann vernünftig sein

Hat der «Faktist» wichtige Informationen unterschlagen? «Ich bringe absichtlich die Todesfälle nichts ins Spiel», schreibt Glogger auf Anfrage. «Würden wir von Todesrisiko reden, hätten Sie recht. Aber die Leute, die heute im Spital landen, sind vielfach unter 50 Jahre alt.»

Dass heute mehr junge Menschen im Spital landen, hat hauptsächlich damit zu tun, dass sich ältere Menschen viel häufiger haben impfen lassen und darum der Anteil der Spitalpatienten über 50 zurückgegangen ist.


Werfen wir nochmals einen Blick in die Statistik: Bis am 24. November mussten insgesamt 35’829 Personen wegen schwerer Covid-Erkrankung ins Spital eingewiesen werden. Nur ein kleiner Anteil von 15,6 Prozent dieser Patienten war unter 50 Jahre alt (5589 Personen). Gar nur vier Prozent der im Spital behandelten Covid-Erkrankten war unter 30 Jahre alt (1451 Personen). Auch hier: Das Risiko für junge Menschen ist klein. Ihr Entscheid gegen die Impfung kann vernünftig sein.

Das Risiko junger Ungeimpfter bleibt klein

Richtig ist, dass heute im Vergleich zum Beginn der Pandemie ein grösserer Anteil an Menschen, die im Spital landen, unter 50 Jahre alt sind. Das hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass sich ältere Menschen viel häufiger haben impfen lassen und darum der Anteil der Spitalpatienten über 50 zurückgegangen ist. Das individuelle Risiko eines jungen ungeimpften Menschen, wegen Covid schwer zu erkranken, ist dadurch aber nicht gestiegen.
Der «Faktist» hat also einige wichtige Informationen in Sachen Impfentscheid angeführt. Um glaubwürdig zu sein, hätte er aber alle relevanten Fakten beachten müssen.

Unter der Rubrik «Fake News» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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