Ehe für Liberale

Ehe für Liberale

Unser Schweizer Staat ist ein liberaler. Jedenfalls wurde er als solcher gegründet und so werden denn auch die «Nicht-Einmischung» des Staates, die «Selbstverantwortung» und das Vermeiden von «Bürokratie» als wichtige Prinzipien akzeptiert. Dies sollte auch bei der Ehe für alle der Fall sein.

image
von Michel Rudin am 10.9.2021, 15:59 Uhr
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bei den genannten Prinzipien steht im Fokus, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht bevormundet werden sollen, sondern verantwortlich für ihr Glück sind. Im Umkehrschluss hat der Staat in seiner bürokratischen Weise nur dann einzugreifen, wenn die Bürgerinnen und Bürger die Selbstverantwortung nicht tragen können, sie also geschützt werden müssen.
Es stellt sich die Frage, ob die Prinzipien, etwa «Selbstverantwortung» auf die Ehe für alle anzuwenden ist. Und dies kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. So braucht es keinen Staat der zwei Kategorien von «Ehen» definiert, um Bürgerinnen und Bürger vor irgendwas zu schützen. Im Gegenteil, die «Ehe für alle» schafft ein Gefäss, in dem mehr Selbstverantwortung gelebt werden kann. So gibt es keinen Grund, weshalb Männer- oder Frauenpaare weniger fähig wären, einzuschätzen, ob die Ehe eine Lebensform ist, die ihnen zuträglich ist. Weiter kann das Prinzip der «Nicht-Einmischung» ebenfalls auf die Ehe angewendet werden. Wer sich mit wem freiwillig das Bett teil, ja gar sich in Liebe binden möchte, geht den Staat nichts an. Im Gegenteil, der Staat hat leben zu lassen und nicht Lebensweisen zu definieren. Sonst ist er kein liberaler.
Nun denn, dass nicht alle Ehen im Glück enden, ist uns selbstredend auch klar, aber es braucht sicherlich nicht für Schwule oder Lesben ein Sondergefäss mit dem Begriff «Eingetragene Partnerschaft», weil sie unfähig wären, eine Ehe wie sie Heteropaare eingehen mit ihren Vor- und Nachteilen abzuschätzen. Und das führt mich zum dritten Prinzip: Das Sondergefäss «Eingetragene Partnerschaft» ist ein bürokratischer Unsinn. Durch das Bestehen der zwei Gesetze entsteht etwa beim Staat und bei Unternehmen ein unnötiger Mehraufwand. So müssen letztgenannte etwa bei den Lohnabrechnungen eine Sonderkategorie führen. Mit der Ehe für alle würde das entfallen. Ja, wir hätten gar eine der wenigen Chancen, ein unnötiges Gesetz abzuschaffen. Fazit deshalb: Wird die Ehe für alle an der Urne angenommen, führt dies zu weniger Bürokratie und mehr Selbstverantwortung. Und der Staat mischt sich nicht unnötig in Lebensformen ein. Die Ehe für alle ist also durchwegs ein liberales Anliegen.
Michel Rudin ist Unternehmer, Co-Präsident von Pink Cross und der GLP Kanton Luzern sowie Gründer von Swiss Diversity.

Mehr von diesem Autor

image

Impf-Studie der Harvard-Universität: «Faktenchecking» und woher die Gelder dafür kommen

Kati Schepis27.10.2021comments
image

Warum die Weltbank ihren Doing-Business-Report zu Unrecht eingestellt hat

A.J. Skiera27.10.2021comments
image

Happy Birthday Elfriede Jelinek

Gast Autor26.10.2021comments

Ähnliche Themen