Die Paketbombe von Buchs: Ein Genie auf Abwegen

Die Paketbombe von Buchs: Ein Genie auf Abwegen

Wer tötete die 13-jährige Nadja S. beim Versuch, ihre Mutter umzubringen? Ein Zufallsfund verhalf den Ermittlungen zum Durchbruch. Das düstere Ergebnis: Es war ein Racheakt. Ermöglicht hatte diesen ein so kaltblütiger wie technisch versierter Mann, der im Auftrag handelte. Teil 2 und Ende.

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von Stefan Millius am 27.11.2021, 17:00 Uhr
Eine solche Handgranate löste die Explosion aus. (Bilder: Kapo SG)
Eine solche Handgranate löste die Explosion aus. (Bilder: Kapo SG)
Zum ersten Teil geht es hier.
Kapitel 6: Festnahmen
Am 18. Januar 1998 um 10.30 Uhr gab die Kantonspolizei St.Gallen bekannt, dass es im Zusammenhang mit dem Paketbombenanschlag zu Festnahmen in den Kantonen St.Gallen und Zürich gekommen sei. Die Formulierung war unmissverständlich: Es ging um mehrere Personen. Weitere Details wollte man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht preisgeben. Schon am Tag darauf fand eine Pressekonferenz statt, in der das nachgeholt wurde.

Kapitel 7: Das Grauen erhält Gesichter

Die Kantonspolizei präsentierte am 19. Januar 1998 Angaben zu den Verhafteten. Es handelte sich um den Maschinenbauer Martin G. (30) und Martin S. (30), den Bruder von Norbert S und Onkel des getöteten Mädchens. Dessen Freund Martin G. hatte die Paketbombe gebaut und zur Post gebracht, der Onkel sei «an der Tat mitbeteiligt gewesen».
Der Ermittlungserfolg war einem Zufall zu verdanken. In einem Waldstück bei Bollingen nahe Rapperswil war eine Sporttasche gefunden wurden, in der sich Unterlagen über den Umgang mit Sprengstoff sowie Waffen befanden. Gewisse Hinweise in der Tasche enthielten auch Hinweise auf die Familie von Norbert S. Diese Tasche führte auf die Spur von Martin G. Es wird angenommen, dass er sie unter Druck zu entsorgen versucht hatte; er hatte zuvor erfahren, dass in diesem Fall Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden. Martin G. war wiederum eng mit Martin S. befreundet.
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Martin G., der Erbauer der Paketbombe, in einer alten Aufnahme vor dem Verbrechen. (Bildquelle: BLICK)

Kapitel 8: Vater erneut in U-Haft

Nachdem er den Medienrummel ausgekostet hatte, wurde es für Norbert S., den Vater des Opfers, wieder ungemütlich. Er wurde am 22. Januar 1998 von Neuem in Untersuchungshaft gesetzt. Rund eine Woche später war klar: Zu Recht.
Das Bild verdichtete sich immer mehr. Norbert S. hatte den Anstoss zum Bau der Paketbombe gegeben. Sein Bruder Martin S. hatte daraufhin Martin G. den konkreten Auftrag gegeben, das zu tun. Vervollständigt wurde das Komplott durch einen vierten Mittäter. Er hatte die Handgranate geliefert.

Kapitel 9: Die Hintergründe

Ein Ex-Ehemann, der seine Frau töten will, sein Bruder, der einen engen Freund mit der Tat beauftragt: Was steckt dahinter? Die Urteilsbegründung des Kantonsgerichts St.Gallen gibt Aufschluss. Norbert S. hatte in seinem Familienumfeld immer wieder gesagt, sein Ex-Frau müsse «weg». Hilfe erhoffte er sich von seinem Bruder Martin S., der früher Kontakte ins kriminelle Milieu hatte. Norbert S. drohte mit Selbstmord, wenn sich die Lage mit seiner ehemaligen Frau nicht lösen lasse.
Ein Bruder der beiden hatte sich einst das Leben genommen, und bei Martin S. traf diese Drohung damit offenbar einen wunden Punkt. Er schaffte den Kontakt zu Martin G., der laut Protokollen sein «einziger Freund» war. Der Bombenbauer Martin G. wies Norbert S. mehrfach daraufhin, dass bei der Detonation weitere Leute zu Schaden kommen könnten, darunter seine Tochter. Norbert S. wollte die Tat dennoch durchziehen.
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Wahre Verbrechen: Jeden Samstag im Nebelspalter. (Zeichnung; Clemens Ottawa)

Kapitel 10: Die Urteile

Norbert S., der den Anschlag in Auftrag gegeben hatte, erhielt eine Zuchthausstrafe von 18 Jahren. Martin S., der Organisator des Verbrechens, musste für neun Jahre ins Zuchthaus. Bei ihm wirkten sich das umfassende Geständnis, die echte Reue und eine schwere Persönlichkeitsstörung strafmildernd aus. Martin G. erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Im Zug der Ermittlungen zeigte sich, dass er bereits einige Jahre zuvor im österreichischen Graz einen Mord begangen hatte. Lebenslänglich bedeutet im Schweizer Strafrecht, dass nach 15 Jahren eine Entlassung möglich ist.

Kapitel 11: Martin G.

Auch wenn Vater und Onkel des Opfers Nadja S. für die Öffentlichkeit im Zentrum standen: Die – nicht in einem würdigenden Sinn – faszinierendste Persönlichkeit des Verbrechens ist ohne Zweifel Martin G. Der Absolvent der Hochschule für Technik in Rapperswil im Fach Maschinenbau war ein genialer Kopf. Sein technisches Verständnis war ausgeprägt. An der Hochschule errang er sein Diplom mit der Konstruktion einer Säulendrehkrananlage, aber offenbar hatte er auch ein Flair für ausgeklügelte Waffen.
In Graz erschoss Martin G. eine Rentnerin, die sich nicht aus ihrer Wohnung vertreiben liess, im Auftrag des Vermieters. Das Verbrechen war schwer aufzuklären: Martin G. hatte die Waffe so manipuliert, dass die tödliche Patrone wie ein Querschläger aussah – und die Behörden zunächst von einem zufälligen Opfer ausgingen. Ebenfalls auf dem Kerbholz hatte er die Mitwirkung an einem Raub auf eine Filiale der St.Galler Kantonalbank in Rüthi.
Paketbombenbau und der Mord in Graz sind Taten, die von Gewissenlosigkeit und Gefühlskälte zeugen. In der Urteilsbegründung ist zwar von einem psychiatrischen Gutachten die Rede, aber die Ergebnisse werden nicht weiter ausgeführt. Martin G. erfüllt allerdings das Profil eines eigentlichen Auftragskillers, der für andere tötet, ohne selbst einen Bezug zum Opfer zu haben. Die technische Umsetzung der Tat scheint für ihn eine Art spannende Herausforderung gewesen zu sein.

Epilog

25 Jahre nach dem Verbrechen sind viele Spuren verwischt, andere aber bleiben bestehen. Nadja S. ist tot. Sie wurde nur 13 Jahre alt. Ihre Mutter Rosmarie S. hat ihr einziges Kind verloren und ist fürs Leben gezeichnet. Die Bombe traf sie unter anderem schwer im Gesicht.
Wie es bei den Tätern heute aussieht, lässt sich in unserem Rechtsstaat schwer herausfinden. Sie haben das Recht, nach verbüsster Strafe unbehelligt zu bleiben. Dennoch finden sich Spuren von einigen. Norbert S. arbeitet heute nach unseren Informationen als Mechaniker in einer Autogarage im Kanton Zürich. Über den Verbleib seines Bruders Martin S. ist nichts bekannt.
Auf Martin G. gibt es einen kleinen, aber vielleicht erhellenden Hinweis. Unter seinem Namen wurde 2013 ein persönliches Profil auf einer Onlineplattform eröffnet, auf dem potenziellen Kunden CAD-Modelle präsentiert werden können. Eine weitere Spur findet sich im Web in der Bestellliste eines Händlers von Lamborghini-Modellen.
Handelt es sich wirklich um Martin G., dann heisst das eines: Er dürfte pünktlich nach 15 Jahren in die Freiheit entlassen worden sein. Auf welcher Grundlage: Das ist unbekannt. Das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.Gallen gibt keine Auskünfte über den weiteren Verbleib von Straftätern. In einer Antwort auf eine entsprechende Anfrage heisst es: «Angaben zu strafrechtlichen Verfahren und Sanktionen gehören zu den besonders schützenswerten Personendaten.»
In Anbetracht der Taten von Martin G. scheint es erstaunlich, dass er offenbar schnörkellos nach Verbüssen der ordentlichen Strafe freigekommen ist. Ist dem so, ist er nach Einstufung der Experten geläutert und für die Öffentlichkeit nicht mehr gefährlich. Was angesichts der Vorgeschichte für die Allgemeinheit nur zu hoffen ist.
*Die Namen aller Beteiligten sind der Redaktion bekannt.

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Stefan MilliusHeute, 08:00comments

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