Ausbrecherfilm «Stürm»: Was hat Leuenberger zu verstecken?

Ausbrecherfilm «Stürm»: Was hat Leuenberger zu verstecken?

Der Film beruht auf historischen Tatsachen. Walter Stürm heisst Walter Stürm und Barbara Hug heisst Barbara Hug. Nur Moritz Leuenberger heisst nicht Moritz Leuenberger. Was hat der ehemalige SP-Bundesrat zu verstecken?

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von Philipp Gut am 1.12.2021, 16:30 Uhr
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Der Bezug zur Realität wird gleich zu Beginn deutlich: «Inspiriert von einer wahren Geschichte», heisst es im Vorspann des neuen Schweizer Kinofilms «Stürm». Selbstverständlich tritt die Hauptfigur, der legendäre Ausbrecherkönig Walter Stürm, unter seinem richtigen Namen auf. Auch die zweite Protagonistin, die Anwältin Barbara Hug, wird im Film bei ihrem Namen genannt. Walter Stürm ist Walter Stürm, und Barbara Hug ist Barbara Hug. Was denn sonst?
Doch diese scheinbare Selbstverständlichkeit hat einen Haken: Das Prinzip, die Filmfiguren nach ihren historischen und realen Vorbildern zu benennen, endet bei der prominentesten Person der ganzen Geschichte: beim damaligen Anwalt und späteren Bundesrat Moritz Leuenberger (SP). Er heisst im Film bloss Felix.
Die Frage drängt sich auf: Warum wird die Identität von Felix alias Moritz Leuenberger verschleiert? Hat der alt Bundesrat etwas zu verstecken? Schämt er sich vielleicht sogar für seine Vergangenheit?

Sprengsatz gegen den autoritären Staatsapparat

Tatsache ist: Walter Stürm – geboren 1942, Tod durch Suizid 1999 – war nicht nur ein notorischer Verbrecher und genialer Ausbrecher, dem acht Mal die Flucht aus Gefängnis oder Zuchthaus gelang. Er war auch der Held der linken Szene der 1960er- bis 80er-Jahre, die in ihm eine Art menschlichen Sprengsatz gegen den autoritären Staatsapparat sah.
Regisseur Oliver Rihs ist mit «Stürm» ein starker Film gelungen. Er zeigt, dass diese politische Verklärung Stürms wenig mit dessen Ansichten und Zielen zu tun hatte. Dabei beruft sich der Film auf die Biografie des SRF-Journalisten Reto Kohler, der viele Jahre für sein Buch recherchierte. Kohler sagt: «Stürm war im Kern ein kleiner Aufschneider, der ausserhalb der Kriminalität nichts mit sich anzufangen wusste. Er war nicht der charismatische Held, als den ihn die linken Medien zeichneten.»
Oliver Rihs verdichtet diesen Gegensatz nun zu einem intensiven, melancholisch angehauchten Melodram zweier ganz unterschiedlicher Menschen, die das Schicksal aneinanderbindet. Dabei ist historisch umstritten, ob es – wie im Film – auch in der Realität zu einer Liaison zwischen Stürm und seiner Strafverteidigerin Barbara Hug kam.

Leuenbergers postmagistrale Prüderie

Und was hat das alles nun mit Felix alias Moritz Leuenberger zu tun?
Mehr als Sie vielleicht denken. Recherchen des «Nebelspalters» zeigen: Der alt Bundesrat störte sich an der filmischen Romanze zwischen Hug und Stürm. Dies belegen seine Reaktionen auf die Lektüre des Drehbuchs. Ebenso monierte er eine kurze Sexszene zwischen Barbara «Babs» Hug und einer Zufallsbekanntschaft in einer Zürcher Bar.
Als Zuschauer wundert man sich eher über diese postmagistrale Prüderie, denn der Film ist überhaupt nicht reisserisch, sondern auf kluge Weise poetisch. (Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass der Urgrossvater von Regisseur Rihs ein gewisser Hermann Hesse war.)
Noch brisanter ist indes: Der Film tönt auch eine verflossene Beziehung zwischen Felix und «Babs» an. Felix verwahrt sich dagegen, als «Freund» von Kollegin Hug bezeichnet zu werden, er sei höchstens ihr «Ex-Freund», sagt er schnippisch.
Die künstlerischen Freiheiten, die sich die Filmemacher nahmen, gingen Leuenberger offenbar zu weit. Obwohl er am Anfang sehr interessiert Auskunft gab, wollte er nun plötzlich nichts mehr mit dem Film zu tun haben. Er untersagte, dass sein Name genannt wird – beziehungsweise er stellte eine ganze Reihe von Bedingungen, welche die Filmcrew nicht erfüllen mochte. Er forderte zahlreiche Kompromisse, die der Dramaturgie des Films geschadet hätten. So kam es, dass der spätere Bundesrat als Felix Unbekannt durch den Film geistert.

Karrierendrang und sozialdemokratische Wohltemperiertheit

Dass seine Anwaltskollegen Benard Rambert und Barbara Hug das Heu politisch nicht auf der gleichen Bühne haben wie Felix, macht der Film immer wieder klar. «Hör uf met dim Relativierigsgewixe», faucht «Babs» Felix einmal an. Er sei ein «Weichei», das lieber kleine Kiffer verteidige. Doch Felix durchschaut auch früh die nonchalante bis rücksichtslos-begeisterte Haltung vieler Linker der Gewalt gegenüber. Er wolle arbeiten, sagt er, der Fall Stürm verbrauche bloss sinnlos Ressourcen, er habe genug von der «Politscharade». Bürgerlicher Karrieredrang und sozialdemokratische Wohltemperiertheit – so wird Felix gezeichnet.
Aus der Luft gegriffen waren seine Warnungen an die politisch radikalisierten Kollegen jedenfalls nicht. Rambert verkrachte sich mit Stürm, nachdem dieser seiner, Ramberts, Tante eine Waffenladung untergejubelt hatte – was den Anwalt in Untersuchungshaft brachte. 1981/82 kam es zum definitiven Bruch. Er traf den flüchtigen Ausbrecherkönig heimlich in Nizza an der Côte d’Azur. Rambert warf Stürm vor, nichts – vor allem nichts Politisches – aus seinem Leben zu machen. In Reto Kohlers Biografie sagt er: «Immer nur mit den teuersten Wagen anzugeben und in den nobelsten Hotels abzusteigen, das bringt’s doch nicht.» Rambert versuchte Stürm zu überzeugen, sich politisch zu engagieren. Es war das letzte Mal, dass er ihn sah. Einen Folgetermin liess Stürm platzen.
Rambert, auch der «rote Beni» genannt und Verteidiger von linksextremem Terroristen, ist ebenfalls not amused über den Film; er äusserte sich kritisch in einem Interview. Dass er zudem nicht gut auf Leuenberger zu sprechen ist, machte die Sache für das Filmteam auch nicht einfacher.
Fazit: Selbst ein Minenfeld von Eitelkeiten, linken Grabenkämpfen und sich teilweise widersprechenden Versuchen, die Vergangenheit im rechten Licht erscheinen zu lassen, konnte diesen sehenswerten Schweizer Film nicht torpedieren. Auf Anfrage des «Nebelspalters» schreibt der reale Moritz Leuenberger: «Ich bestätige Ihre Anfrage, möchte aber von einem Gespräch absehen.»

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