Covidioten, Schwurbler, Coronazis: Salonfähige Beleidigungen

Covidioten, Schwurbler, Coronazis: Salonfähige Beleidigungen

Das Coronavirus senkt die Hemmschwelle. Befürworter und Kritiker der Massnahmen schenken sich verbal nichts. Was früher Anwälte auf den Plan gerufen hätte, ist heute ganz normal. Selbst Zeitungsredaktionen bedienen sich bei beleidigendem Vokabular.

image
von Stefan Millius am 26.11.2021, 05:00 Uhr
Illustration: Clemens Ottawa
Illustration: Clemens Ottawa
Was genau ist ein «Corona-Autist»? Das müsste man die Redaktion der «Thurgauer Zeitung» fragen. Sie betitelte den Anwalt, SVP-Kantonsrat und Massnahmenkritiker Hermann Lei so. Man würde glauben, die Zeiten, in denen missliebige Personen mit medizinischen Diagnosen bezeichnet wurden, seien vorbei. In derselben Zeitung wurden auch schon Demonstranten ganz offiziell als «Covidioten» bezeichnet. Für einen journalistischen Text ist das selten und bemerkenswert, in den sozialen Medien hat sich der Begriff «Covidiot» hingegen längst etabliert. Wobei inzwischen beide Lager ihre Gegner so bezeichnen. Denn der Idiot ist natürlich immer der andere.

Vom Leugner zum Skeptiker

Es ist nicht zu übersehen: Das Virus beziehungsweise die Massnahmen dagegen wirkt sich auf die Sprache aus, und es sind selten Freundlichkeiten, die ausgetauscht werden. Coronaspezifisches Vokabular tauchte früh in der Krise auf. Die bundesratstreuen Medien bezeichneten Massnahmenkritiker zu Beginn generalisierend als «Coronaleugner», später wechselten sie zu «Coronaskeptiker». Gerüchten zufolge gab es beim einen oder anderen Verlag eine entsprechende Direktive, nun auf die schwächere Version zu setzen. Mit gutem Grund. «Covidleugner» ist so irreführend wie «Klimaleugner», denn kaum jemand streitet die Existenz des Klimas ab – oder die des Virus.
Ebenfalls beliebt: Der «Aluhut». Die Kopfbedeckung aus mehreren Schichten Alufolie tauchte in der Science-Fiction-Literatur vor fast 100 Jahren erstmals auf und wurde dort zur Blockade von Telepathie verwendet. Fans der Serie «Better call Saul» kennen das: Sauls Bruder Chuck leidet unter einer Phobie vor elektrischer Strahlung und trägt vorsichtshalber gleich einen Ganzkörperanzug aus Aluminium. Mit der Bezeichnung «Aluhut» soll wohl ausgedrückt werden: Wer die Coronamassnahmen ablehnt, glaubt an jeden Irrsinn. Dabei wird nicht unterschieden, ob jemand tatsächlich grenzwertige Thesen verbreitet oder einfach kritische Fragen stellt.

Kritiker sind pauschal «Schwurbler»

Die grösste Karriere hingelegt hat aber das Wort «Schwurbler», das es schon lange gibt, das nun aber Hochkonjunktur geniesst. Umgangssprachlich sind damit laut Wikipedia «vermeintlich oder tatsächlich unverständliche, realitätsferne oder inhaltslose Aussagen» gemeint. Das Wort ist eine themenübergreifende Allzweckwaffe. Literaturkritiker beispielsweise sprechen von Geschwurbel, wenn es beim Stil hapert. Rund um Corona wird heute so gut wie jeder als Schwurbler bezeichnet, der Kritik an der offiziellen Politik übt – auch hier wieder völlig unabhängig von der Qualität der Argumentation. Der Vorwurf des «Schwurbelns» ersetzt inhaltliche Debatten, indem es signalisiert: Mit dir tausche ich mich gar nicht erst aus.
Auch dieser Begriff grassiert nicht nur am virtuellen Stammtisch. Kürzlich schickte eine Leserin des St.Galler Tagblatts dessen Chefredaktor den Link zu einem Video. In diesem war Dr. Thomas Sarnes zu sehen, ein deutscher Chefarzt im Ruhestand, der die globale Coronapolitik kritisiert. Eineinhalb Stunden später kam bereits die Antwort des Chefredaktors: «Habe mir das fragwürdige Video angeschaut. Sie sind einem Schwurbler aufgesessen. Schade.» Inwiefern der Mediziner «geschwurbelt» hatte und welche seiner Thesen nachweisbar falsch sind, wollte der Journalist nicht verraten. Schwurbler, basta.

«Massenmerdien» und «Lückenpresse»

Die Massnahmenkritiker sind ihrerseits ebenfalls kreativ in ihrem Vokabular. Wer die Darstellung des Bundesrats teilt, ist ein «Schaf» oder ein «Schlafschaf», also jemand, der einfach der Herde hinterher läuft, ohne nachzudenken. Für dieselben Leute wird auch gerne «Systemhure» verwendet. Medien, die sich hinter die Coronapolitik stellen, sind – angelehnt ans Französische «merde», auf Deutsch «Scheisse» – inzwischen «Massenmerdien». Die Wortkreation hat der massnahmenkritische Videoblogger Daniel Stricker in Umlauf gebracht. Der Begriff «Lückenpresse» hat die früher beliebte «Lügenpresse» abgelöst. Damit wird vermittelt: Veritable Lügen gibt es vielleicht selten auf Zeitungspapier, aber durch Auslassung von Fakten wird ein ähnlicher Effekt erzielt.
Noch etwas brachialer ist «Coronazi». Laut dem «Urban Dictionary» ist das die Umschreibung eines paranoiden Maskenträgers, der auf Leute ohne Maske losgeht oder Regelbrecher verpfeift. Überhaupt ist das Coronavokabular reich an Anlehnungen ans Dritte Reich.

Querdenker und die «Schlumpfung»

Im Zug der letzten knapp zwei Jahre wurden auch an sich positive Begriffe ins Gegenteil verkehrt. Vor 2020 waren «Querdenker» gesuchte Leute als Referenten bei Wirtschaftsapéros und ähnlichen Veranstaltungen. Sie galten als innovativ, mutig und hinterfragend. Denn im ursprünglichen Wortsinn war mit Querdenker gemeint, dass jemand Probleme löst oder Ideen kreiert, indem er ausgetretene Pfade verlässt. Inzwischen wird der Begriff aber verwendet, um nicht linientreue Personen abzuwerten. Das klappt nur bedingt. In Deutschland nennt sich eine massnahmenkritische Organisation selbstbewusst «Querdenker» – angelehnt an die eigentlich positive Bedeutung.
Und dann gibt es auch völlig neue Wortkreationen, die aus der Not geboren wurden. Weil soziale Medien wie Facebook oder Plattformen wie YouTube impfkritische Beiträge immer häufiger zensieren, sprechen viele heute von der «Schlumpfung», um den Algorithmus auszutricksen. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis auch dieses Wort in eine Sperrliste wandert.
Dem Diskurs tut es natürlich kaum gut, wenn sich gegnerische Lager gegenseitig wahlweise als Idioten, Schafe, Schwurbler oder Nazis bezeichnen. Vor allem, wenn für diese Einschätzung schon die «falsche» Stimmabgabe bei einer Volksabstimmung reicht. Die Frage wird sein, ob sich das harte Vokabular über Corona hinaus hält – und in Zukunft jeder, der eine andere Meinung hat, eben einfach ein Schwurbler oder Schlimmeres ist. Der Respekt vor Andersdenkenden war bislang eine der Grundlagen für die direkte Demokratie. Sie scheint brüchig zu werden.

Mehr von diesem Autor

image

Der andere Banker: Das Phänomen Pierin Vincenz

Stefan MilliusHeute, 08:00comments

Ähnliche Themen