Beziehungsweise

Beziehungsweise

Fragen über Beziehungsfragen: Von einer Liebe, die blind macht. Von einem Dachschaden. Und vom Konflikt: Soll ich was sagen?

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von Dominique Feusi am 25.10.2021, 08:47 Uhr
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Je älter ich werde, desto weniger weiss ich. Zumindest was die Beziehung anderer angeht. Kennen Sie das Gefühl? Wenn einen Freunde fragen: «Sollen wir uns trennen? Oder um die Liebe kämpfen? Was würdest du tun?» Und die Antwort lautet: «Keine Ahnung!»
Und man denkt: Phu, zum Glück nicht mein Problem! Und man sagt: «Phu, schon zehn nach sieben, ich muss leider sofort nach Hause gehen!»
Keine Details!
Neulich war ich bei der M., sie ist 45, schon länger zufrieden geschieden, hat einen erwachsenen Sohn, ein Interior-Geschäft, das brummt, Kind und Kegel sind super versorgt, und auch sie selbst schaut aus wie das blühende Leben.
«Das liegt am Wahnsinns-Sex!», sagt die M., und ich bereue bereits, die Einladung angenommen zu haben, denn die M. neigt dazu, einem sehr explizit Dinge zu erzählen, die man so nie wissen wollte. Sie neigt auch dazu, sehr guten Champagner zu servieren. Ob das ein Glück oder ein Pech ist, weiss ich nicht, denn einerseits löst der Champagner stets rapide ihre Zunge, andererseits lässt er die Bitte-nicht!-Rezeptoren in meinen Ohren schlummern.
Ist das eine Win-win- oder eine Lose-lose-Situation? Noch ist das Glas jedenfalls halbvoll und die M. erzählt von Praktiken, die ich hier nicht wiederholen kann, ja, die ich ohnehin gleich wieder vergessen will. «Ich muss es nicht SO GENAU wissen!», sage ich zur M. Es ist eher ein Flehen.
Jedenfalls ist da dieser Mann, sie sind seit knapp einem Jahr zusammen, und sie hat mit ihm «den Sex meines Lebens!» Ausserdem habe er die Lampe in ihrem Büro geflickt, er sei eben auch mit den Händen äusserst geschickt und ich frage: «Ist noch Champagner da? Ich würde ihn auch im Keller holen!» Oder am Ende der Welt. Zumindest bis der M. nichts mehr zu seinen geschickten Händen einfällt.
Psychoaktive Substanzen?
Doch plötzlich wird die M. larmoyant, denn ihr Angebeteter sei zwar im Bett ein Held, doch er habe Schulden. Überall. Auch bei ihr. Sehr viel Geld. Und er melde sich manchmal zwei, drei Wochen nicht, sei wie vom Erdboden verschluckt. Wie gerade. Sie habe seit zehn Tagen nichts von ihm gehört, dabei wollten sie doch morgen den Töff, den sie ihm schenken will, ansehen. «Soll ich einfach bei ihm vorbeigehen? Was würdest du tun?»
Was antwortet man da? «Bist du von allen guten Geistern verlassen? «Darf ich dir dein Hirn mit einem Laubbläser durchblasen?» «Kombinierst du psychoaktive Substanzen?» Schätzchen, ich würde ihn mit dem Töff überfahren und auf seinem Grab rumtanzen! Nein, das sage ich natürlich nicht, aber das sind nun in etwa die Gefühle, die ich diesem mir unbekannten Mann entgegenbringe.
«Aber ich liebe ihn so!», sagt da die M. und ich denke: Bravo, das alte Spiel, kaum hasst man ihn, lieben sie ihn, so läuft das in der Küchentischpsychologie.
Der Dachschaden
Mein Vater selig gab mir einst den Rat: «Was zwei Menschen miteinander haben, wissen immer nur die zwei.» Deswegen würde er bei Beziehungsfragen nur zuhören, vielleicht versuchen, zu vermitteln, aber sich niemals auf eine Seite stellen. «Wänns ganz lätz chunt, bisch am Schluss no du gschuld!» Der gemeinsame Feind, der sie wieder eint.
Wir reden hier natürlich von gewaltfreien Beziehungskonflikten. Mein Vater musste einst einschreiten, weil ein Nachbar seine Frau übers Dach verfolgte, dem hat er dann auf dem Dach aufs Dach gegeben, es war ein Spektakel fürs ganze Dorf, die Frau des Nachbars ist noch am gleichen Tag mit dem Tennislehrer durchgebrannt, und der Nachbar ist dann weggezogen, der hatte «danach einen Dachschaden», wie meine Mutter sagte, aber das ist eine andere Geschichte.
BITTE, WAS?
Sich aus Beziehungskonflikten rauszuhalten, war ein guter Rat fürs Leben, und deswegen sage ich zur M.: «Nur du weisst, was du fühlst», und komme mir vor wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Natürlich auch, weil ich schon ein wenig betrunken bin.
«Aber findest du es nicht komisch, dass er mich nicht seiner Mitbewohnerin vorstellen will?»
BITTE, WAS? Ich bin augenblicklich nüchtern. Sind wir nicht alle ziemlich sicher, dass seine Mitbewohnerin seine Frau oder Freundin ist? Und sie gemeinsam die M. ausnehmen? Was ich ihr trotz gutem Rat fürs Leben auch sage. Worauf die M. wieder mit dem «Wahnsinns-Sex» beginnt: «Ich muss dir noch was von seinen geschickten Händen erzählen!»
«Phu, schon zehn nach irgendwas, ich muss leider sofort nach Hause gehen!»

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