«Hänk mal ab!»

«Hänk mal ab!»

Heute für viele eine veritable Horrorvision, aber es ist noch gar nicht so lange her, da blieb es einfach zu Hause, das Telefon.

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von Dominique Feusi am 11.10.2021, 08:52 Uhr
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Der nette junge Mann, der im Haus vis-à-vis sonst stundenlang still auf dem Balkon sitzt und ins Smartphone glotzt, ging neulich wie ein Junkie, der den Affen schiebt, hibbelig auf und ab, gispelte unkoordiniert herum, starrte ins Telefon, zündete alle zwei Minuten eine Zigarette an, und als ich fragte, ob ich ihm helfen kann, sagte er: «Hast du?»

Cold Turkey

«Hasch? Kokain? Heroin?», wollte ich gerade in Langstrassen-Manier fragen, doch da krächzte er schon: «Instagram! Facebook! Whatsapp! Alles down!»
Boah, ein Albtraum! Was sollen wir jetzt nur mit unserer Zeit anfangen? Wie können wir uns wütend oder traurig stimmen? Wo sollen wir uns jetzt vergleichen und hässlich fühlen? Wie kommunizieren wir unsere Emotionen? Wie sollen wir Kontakte pflegen? Müssen wir schlussendlich noch miteinander reden?
Nein, das sagte ich nicht, denn Menschen auf kaltem Entzug sind selten zu Smalltalk aufgelegt. Aber ich frage jetzt Sie: Hatten Sie einen Cold Turkey? Oder fanden Sie’s auch okay? Wie viele Stunden am Tag hängen Sie an Ihrem Smartphone? Und gehören Sie auch zu einer Generation, die sich erinnern kann, wie es ohne war?

Vielleicht war ja besetzt?

Denn es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, da waren die Menschen noch keine Sklaven der ständigen Erreichbarkeit. Heute scheint es für viele unvorstellbar, ja gar eine veritable Horrorvision, aber es ist noch gar nicht so lange her, da blieb es einfach zu Hause, das Telefon.
Und es konnte auch nicht viel. Kein Internet, kein Chat, keine Spiele, für junge Menschen klingt es geradezu absurd, wozu wir das Telefon nutzten: zum Telefonieren.
Erinnern Sie sich, als es bei den meisten noch einen einzigen Festnetz-Anschluss pro Haushalt gab? Und die Tragödie unserer Jugend darin bestand, dass natürlich immer ein Familienmitglied in der Leitung hing, wenn es um einen wichtigen Anruf ging? Zum Beispiel, wenn der Schulschwarm durchklingeln wollte. Okay, durchklingeln sollte. Denn auch bei Nicht-Anruf starb die Hoffnung zuletzt. Vielleicht war ja besetzt?

«Nicht in diesem Ton!»

Erinnern Sie sich, wie man aufgeregt neben dem Apparat sass? Warum ruft die wichtigste Person im Universum nicht zurück? Ist alles richtig eingesteckt? Gibt es einen Summton? Kann man das Kabel zwecks Privatsphäre bis ins Zimmer ziehen? Und knickt die Tür die Verbindung ab? Und wenn’s dann endlich klingelt, explodiert ein Feuerwerk Serotonin im Kopf, aber dann ist garantiert irgendeine Tante dran, die mit der Mutter stundenlang was bespricht. Und ich rufe: «Hänk mal ab!» Und meine Mutter ruft: «Nicht in diesem Ton!» Und ich denke: «Glückseligkeit ist ein eigenes Telefon.»
Erinnern Sie sich, dass man so die zwanzig wichtigsten Nummern auswendig wusste? Und heute? Wie viele Nummern kennen Sie?
Erinnern Sie sich an das leise Klicken in der Leitung? Wie es klingt, wenn jemand an einem anderen Apparat den Hörer abnimmt, um zu spionieren? «Hänk ab, ich ghör di!» Oder ganz schlimm, wenn der Reinschalter was sagt? Wie mein Vater mit: «Sie liebt dich auch, aber ich muss jetzt telefonieren!» Und wie ich vor Scham sterben will.
Das Beste am Festnetz war jedoch eine Qualität, die man erst im Nachhinein versteht: Richtig, das Telefon blieb daheim. Oder im Büro. Nix mit ständiger Erreichbarkeit. Den Stress liess man zurück. Unterwegs war man frei. Denn neulich, in den Ferien, nach dem zigsten geschäftlichen Anruf, Chat und Mail, dachte ich: «Glückseligkeit ist kein eigenes Telefon.»

Halbe Trennung

Natürlich ist es im Notfall praktisch. Zum Beispiel bei einer Alien-Invasion, wenn man Millionen Menschenleben retten kann, indem man ... okay, keine Ahnung, wen man da anruft? Will Smith? Aber sagen wir, wenn man auf der Autobahn auf dem Pannenstreifen steht, oder wenn die Milch ausgeht, oder wenn man in einen Graben stürzt und denkt: Ist das normal, dass mein Bein so absteht?
Ich glaube, ich mache es wie Elon Musk, der gab ja kürzlich die «halbe Trennung» von seiner Lebenspartnerin bekannt. Ich mache jetzt mal halb mit meinem Smartphone Schluss.
Vielleicht bringt’s ja die dritte Version:
Glückseligkeit ist ein Teilzeit-Telefon.

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