Müssen wir uns mit der Sterblichkeit anfreunden? Interview mit Werner Widmer

Müssen wir uns mit der Sterblichkeit anfreunden? Interview mit Werner Widmer

Werner Widmer, Kenner des Schweizer Gesundheitssystems, warnt davor, dass staatliche Eingriffe in der Pandemie die Eigenverantwortung verkümmern lassen. Die Krise zeigt auch einer Gesellschaft den Spiegel, die nach absoluter Sicherheit strebt und den Tod verdrängen will (Teil 1 von 2).

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von Peter Kuster am 30.11.2021, 05:00 Uhr
Werner Widmer: «Worst-case-Szenarien, Risikoaversion und staatliche Verhaltenskontrolle haben die Eigenverantwortung in den Schatten gestellt.» Bild: Keystone
Werner Widmer: «Worst-case-Szenarien, Risikoaversion und staatliche Verhaltenskontrolle haben die Eigenverantwortung in den Schatten gestellt.» Bild: Keystone
Am Donnerstag wird Gesundheitsökonom Werner Widmer, der aufgrund seiner beruflichen Tätigkeiten den Alltag und den Betrieb in den Spitälern genau kennt (siehe Kasten «Zur Person»), an der Freiheitsfeier des Liberalen Instituts mit dem Röpke-Preis für Zivilgesellschaft ausgezeichnet. Damit wird sein Beitrag zur Aufwertung der Eigenverantwortung im Gesundheitsdiskurs gewürdigt, eine Thematik, die der Preisträger auch in seiner Rede aufnehmen wird. Das Interesse an der Veranstaltung ist gross, diese ist seit Tagen ausgebucht.

Zur Person
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Werner Widmer, Jahrgang 1953, kennt das Schweizer Gesundheitswesen aus verschiedenen Perspektiven. Bis zur Pensionierung war er Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule und zuvor Direktor in vier Spitälern, darunter im Universitätsspital Zürich. Er gehörte jahrelang dem Stiftungsrat der Schweizerischen Patientenorganisation, dem Verwaltungsrat der Rehabilitationsklinik Adelheid (Unterägeri) und des See-Spitals (Horgen) sowie dem Vorstand von Curaviva Schweiz an und war Präsident des Verwaltungsrates des Kantonsspitals Baselland. Heute ist er Präsident der Krebsliga Zürich und der Stiftung zur Förderung von Gesundheit gemäss Meikirch-Modell, Vorsitzender des Leitenden Ausschusses der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, Verwaltungsrat des Careum Bildungszentrums und hat Lehraufträge an den Universitäten Luzern und St. Gallen.
Vor seinem Ökonomiestudium mit Doktorat an der Universität Basel erwarb er am Konservatorium Bern das Lehrdiplom für Musiktheorie. Dass Widmer auch diese musikalische Begabung pflegt, zeigt sich daran, dass er beim Wettbewerb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft einen eigenen Textvorschlag für den Schweizerpsalm einreichte – und damit 2015 zum Sieger erkoren wurde. «Dabei hatte ich mich intensiv mit der Präambel der Bundesverfassung auseinandergesetzt», erläutert Widmer, «und war entsprechend überrascht, wie wenig der Bundesrat die darin erwähnten Werte wie die Freiheit bei der Pandemiebekämpfung berücksichtigte. Das motivierte mich zusätzlich, mich mit der Thematik kritisch zu befassen.»

Werner Widmer hat zusammen mit Prof. Konstantin Beck, Gesundheitsökonom an der Universität Luzern, mit dem Buch «Corona in der Schweiz», wissenschaftlich fundiert und zugleich gut verständlich, kritisch zur Pandemiepolitik der Behörden Stellung genommen (siehe Artikel). Das Werk stiess auch in Fachkreisen auf eine grosse Resonanz und wurde rund 30’000 mal in PDF-Form von der Website heruntergeladen. Der «Nebelspalter» nutzte die Gelegenheit, sich mit dem Preisträger in spe über wirtschafts- und gesundheitspolitische, aber auch philosophische Fragen rund um die Coronakrise zu unterhalten.
Herr Widmer, Sie kritisieren die hohen Kosten der Pandemiebekämpfung. War denn das Motto der Behörden falsch, dass vorbeugen besser ist als heilen?
Ausserhalb der Pandemie geht es grösstenteils um nicht-übertragbare Krankheiten, während wir es in der Pandemie mit einer übertragbaren Krankheit zu tun haben. Bei nicht-übertragbaren Krankheiten kann man mit einem gesunden Lebensstil das eigene Risiko zu erkranken reduzieren, und zwar mit einem verhältnismässigen Aufwand.

«Wenn wir bereit sind, 50 Milliarden Franken in die Gesundheit zu investieren, müssen wir uns fragen, mit welchen Massnahmen wir am meisten Lebensjahre bei guter Lebensqualität retten können.»


Und bei einer Pandemie?
Um in einer solchen Situation verhältnismässige Vorbeugemassnahmen zu finden, müsste man das Risiko kennen, also das Ausmass eines Schadens multipliziert mit der Eintrittswahrscheinlichkeit. Im Fall von Covid-19 waren beide Faktoren unbekannt. Statt das Risiko zu relativieren, berichteten die Medien von tragischen Einzelfällen, und so wurde Corona für viele Medienkonsumenten zum gefühlten Killervirus. Das alles überwiegende Argument war jetzt Sicherheit – Sicherheit, nicht angesteckt zu werden, Sicherheit, dass es im Spital genügend Platz hat, Sicherheit, selber niemanden anzustecken.
Dass man in einer solchen Situation ein hohes Sicherheitsbedürfnis verspürt, ist doch vernünftig, oder?
Nein. Worst-case-Szenarien, Risikoaversion und staatliche Verhaltenskontrolle stellten die Eigenverantwortung in den Schatten. Vor der Pandemie war allgemein anerkannt, dass meine Freiheit durch die Freiheit der anderen begrenzt wird. Die Pandemiepolitik begrenzt aber meine Freiheit nicht mehr durch die Freiheit der anderen, sondern durch ihren Anspruch auf hundertprozentige Sicherheit. Absolute Sicherheit ist mit Sicherheit unverhältnismässig teuer.

«Meine Freiheit wird nicht mehr durch die Freiheit der anderen begrenzt, sondern durch ihren Anspruch auf hundertprozentige Sicherheit.»


Können Sie das mit Zahlen belegen?
Die Behandlung der Covid-19-Patienten in den Spitälern kostete ungefähr 1 Milliarde Franken, das Impfen und die Tests ungefähr 3 Milliarden. Die Prävention, all die Massnahmen wie Lockdowns und weitere Einschränkungen, summieren sich auf mindestens 50 Milliarden Franken. Dazu kommt der immaterielle Schaden, den man noch gründlich erforschen sollte. Beispielsweise lassen die staatlichen Massnahmen die Ressource der Eigenverantwortung verkümmern und spalten die Familien, den Freundeskreis und die ganze Gesellschaft.
Aber es ging und geht doch um Menschenleben und Lebensjahre.
Die ökonomische relevante Frage in diesem Zusammenhang dreht sich nicht darum, wie gross der Wert eines Menschenlebens ist. Sie lautet vielmehr: Wenn wir bereit sind, 50 Milliarden zu investieren, mit welchen Massnahmen können wir dann am meisten Lebensjahre bei guter Lebensqualität retten?
Gehört zu einer guten Lebensqualität mehr als nur das Aufschieben des Sterbens und der Kampf gegen Tod?
Ja. Ärzte und Pflegende wussten schon seit jeher, dass es nicht darum geht, jede potenziell tödlich verlaufende Krankheit auch im hohen Alter noch medizinisch mit allen Mitteln zu bekämpfen, weil jeder Tote ein Toter zu viel sei. Seit mindestens drei Jahrzehnten kennen wir im Gesundheitswesen die Institutionen Palliative Care und End of Life Care. 44 Prozent der Todesfälle ereignen sich in Pflegeheimen und 37 Prozent in Spitälern. Es ist auch eine wesentliche Aufgabe der Kirchen, die Menschen in der Kunst zu unterstützen, sich mit der Tatsache der Sterblichkeit anzufreunden.

Wird eine Regierung abgewählt, wenn sie die von den Medien angeheizte Hysterie relativiert oder wenn sie öffentlich sagt, dass der Tod zum Leben gehört, insbesondere im hohen Alter?


Die heutige Gesellschaft scheint aber ein Problem mit diesem Gedanken zu haben...
…und deshalb zitiere ich dazu gerne den 75-jährigen Philosophen Ludwig Hasler, der schon im Mai 2020 Folgendes sagte: «Ein Grossteil der Gesellschaft, auch der Bundesrat, hat eine panische Angst vor dem Sterben. Es darf nicht gestorben werden, ohne dass man alles zur Ver­hinderung gemacht hat.»
Aber hätte denn der Bundesrat bei Ausbruch der Pandemie überhaupt anders reagieren können? War es nicht logisch, so zu reagieren, wie dies auch die meisten anderen Länder taten?
Der Bundesrat hätte die besondere Situation der Schweiz mehr berücksichtigen können: Wir haben das teuerste und damit das am besten ausgerüstete Gesundheitswesen Europas. Im Vergleich zu Italien haben wir viel mehr Pflegeheimplätze und mehr Spitalbetten sowie ein dichteres Netz von Hausärzten. Hätte Italien ein vergleichbares Gesundheitswesen, wäre es kaum zu den Bildern in den Medien gekommen, auf die der Bundesrat im März 2020 mit dem ersten Lockdown reagierte.
Weshalb hat der Bundesrat keinen Schweizer Sonderweg eingeschlagen?
Wenn man das Gleiche tut wie alle anderen, kann einem kaum jemand vorwerfen, man mache das Falsche. Mit wenigen Ausnahmen haben alle europäischen Regierungen – gemäss Alain Berset im «Blindflug» – tendenziell die chinesische Pandemiepolitik nachgeahmt. Grundsätzlich frage ich mich, ob es das Schicksal unserer freiheitlichen Gesellschaft ist, dass sie in einer Situation der grossen Unsicherheit vom Worst case ausgehen, sich an maximaler Risikoaversion orientieren und ihre allgemeingültigen Verhaltensmassnahmen den unverantwortlichsten Mitbürgern anpassen muss. Wird eine Regierung abgewählt, wenn sie die von den Medien angeheizte Hysterie relativiert oder wenn sie öffentlich sagt, dass der Tod zum Leben gehört, insbesondere im hohen Alter?
Im zweiten Teil nimmt Werner Widmer Stellung zur Situation in den Intensivpflegestationen und zur Rechtfertigung der staatlichen Massnahmen mit dem ökonomischen Argument der negativen Effekte.

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Kusters Wochenschau 3/2022

Peter Kuster20.1.2022comments

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